Geschichten für Betroffene und interessierte Nicht-Betroffene. Für mich eine Plattform zum öffentlichen Gedanken-Sortieren.
Sonntag, 27. Dezember 2020
Es bleibt spannend
Donnerstag, 13. August 2020
Geduld, Zeit, Glaube, Hoffnung
Montag, 22. Juni 2020
Wind um Nichts?
Samstag, 21. Dezember 2019
mehr als nur 'ne Gehbehinderung
Mittwoch, 9. Oktober 2019
Gedanken
Momentan ist in meiner Gefühlswelt irgendwie der Wurm drin. Objektiv betrachtet geht es mir natürlich gut, ich habe kaum Grund, mich zu beklagen. Ich hatte schöne Ferien, bin froh so viel Zeit mit meiner Familie verbracht zu haben und natürlich bin ich nach wie vor erleichtert über mein bestandenes Physikum.
Aber trotzdem nagen zur Zeit Selbstzweifel und Neid mehr denn je an mir. Besonders in Bezug auf mein Äußeres finde ich Tausende verbesserungswürdige Stellen. Der Bauch könnte flacher sein, die Nase kleiner, die Oberschenkel schmaler, die Unterschenkel dicker, die Arme dünner, das Haar voller. Oh ja, mein aus unerfindlichen Gründen immer dünner und brüchiger werdendes Haar bereitet mir besonders Sorgen. Was für Luxusprobleme. Aber ich bekomme echt Panik bei der Vorstellung, in einem Jahr noch viel dünneres Haar zu haben, wenn das so weitergeht wie bisher (hoffentlich nicht). Dann vergleiche ich jedes Instagram-Bild, das ich sehe mit mir und erziele natürlich dabei nie zufriedenstellende Ergebnisse. In dieser Hinsicht ist der ganze Social-Media-Kram der größte Schrott.
Selbstverständlich könnte ich meinen Körper durch gesündere Ernährung und vor allem mit mehr Bewegung zumindest in einem gewissen Rahmen so 'formen', dass er mir besser gefällt. Warum ich das nicht mache? Keine Ahnung, wahrscheinlich aus Bequemlichkeit. Eine Fitnessstudiomitgliedschaft ist mir außerdem zu teuer und mein Handbike kann ich in meiner Uni-Stadt, wo ich während des Semesters nun mal die meiste Zeit verbringe, nicht unterstellen. Immerhin wird mir während der Physiotherapie körperlich Einiges abverlangt und ich habe immerhin so etwas Ähnliches wie ein Ergometer zu Hause, da bin ich tatsächlich auch recht diszipliniert, was regelmäßige Bewegung angeht.
Aber es geht nicht nur um mein Äußeres. Ich würde auch gern neue Leute kennenlernen; ich würde gern arbeiten gehen, um meinen Eltern nicht so auf der Tasche zu liegen und ich würde gerne endlich wieder ein Hobby haben, das mir Spaß macht, aber während des Semesters bleibt kaum Zeit. Zumindest ist es bei mir so, wie andere das hinbekommen ist mir ein Rätsel.
Ach ja, und dann sitze ich ja noch im Rollstuhl, falls es noch keiner mitbekommen hat, höhö. Der meiner Meinung nach einzige Punkt in meinem Leben, über den ich mich wirklich beschweren kann. Und selbst da hat's mich ja noch wirklich gut getroffen. Angeblich hat ja jeder sein Päckchen zu tragen. Und ich bin wirklich wirklich froh, dass es mir und meiner Familie so gut geht. Aber trotzdem fühle ich mich immer schlecht, wenn ich sehe, wie "gut" es Andere haben. Wahrscheinlich sind die mit ihrer Situation und ihrem Aussehen auch oft mal unzufrieden, aber ich werde trotzdem ständig neidisch. Und das Schlimmste: Ich bin dann ungewollt manchmal richtig fies und gönne niemandem etwas, wenn es mir selbst nicht so gut geht. Keine schöne Charaktereigenschaft und ich weiß auch selbst, dass ich so nicht sein will, aber das lässt sich ja nicht mal eben locker abschalten. Genauso, wie man nicht einfach anfangen kann, "sich selbst zu lieben".
Ich denke die meisten Dinge, die mich stören, kann ich tatsächlich nicht ändern. Das Einzige, was mir übrig bleibt, um mich von negativen Gedanken nicht komplett einnehmen zu lassen, ist die Sichtweise auf diese Dinge zu ändern. Das habe ich in Bezug auf meine Krankheit ja schon ein paar Mal ganz gut hinbekommen, aber ich habe das Gefühl, das immer wieder tun zu müssen. Man kommt nicht einfach irgendwann damit klar; man muss immer wieder daran arbeiten, damit klar zu kommen. Wie auch jeder andere Mensch, der irgendein Problem hat, das sich nicht von selbst auflöst.
Also noch einmal: ich bin absolut dankbar dafür, dass es mir so gut geht, ich bin auch -anders als das hier klingen mag- nicht dauerhaft traurig und unzufrieden, aber ich muss wieder neu lernen, mit mir und meiner Situation besser klar zu kommen. Und mir nicht ständig darüber Gedanken machen, dass andere Leute die schöneren Reisen machen, sportlicher und intelligenter sind, den attraktiveren Körper haben, oder einen Typen nach dem Anderen abbekommen. Klingt stumpf, aber genau so etwas denke ich mir.
Wird Zeit, dass die Uni wieder los geht und ich etwas Anständiges zu tun habe!
Freitag, 20. September 2019
"Hast du nicht schon genug von Krankenhäusern und Ärzten?" Nö. - Medizin studieren als Rollstuhlfahrer -
Der Hauptgrund, weshalb hier sooo lange nichts mehr von mir zu hören war - mein Studium. Ich wollte schon seit langem darüber schreiben, aber dachte mir immer, dass es blöd wäre so viel vom Studium zu erzählen, wenn man's letztendlich vielleicht nicht schafft. Eigentlich Quatsch, man kann ja auch dazu stehen, wenn man mal scheitert.
Geschafft habe ich das Studium noch nicht, aber immerhin mein erstes Staatsexamen und damit den ersten Teil des Studiums. Ich studiere Humanmedizin im (bald) 5. Semester; momentan befinde ich mich in den lang ersehnten Semesterferien.
Mit dem Medizinstudium habe ich schon zu Schulzeiten geliebäugelt, aber es nie für wirklich realistisch gehalten, gut genug für das Studium sein zu können. Auch Quatsch. Zumindest um die ersten vier Semester zu schaffen, muss man nach meiner Erfahrung kein Abi 1,0 - Kandidat sein.
Als ich dann krank wurde, zweifelte ich sowieso daran, ob ein Medizinstudium als Rollstuhlfahrer überhaupt möglich sein könnte und verwarf den Wunsch vorerst. Aber dass es zumindest "in Richtung Medizin" gehen sollte, war für mich klar.
Während meiner Zeit in Bochum erfuhr ich dann, dass sowohl das Studium als auch die Tätigkeit als Arzt mit Querschnittlähmung sehr wohl machbar ist. Ich durfte sogar während eines Praktikums auf der Station für Rückenmarksverletzte ausgerüstet mit dem ausgedienten Stehrollstuhl des Oberarztes zum Zuschauen mit in den OP-Saal. Ich war ab da verständlicherweise Feuer & Flamme und beschloss mich für das Studium zu bewerben.
Einige Monate später heulte ich vor Freude, als ich den Brief mit der Zusage in den Händen hielt. Als Jemand mit einer Behinderung ist es allerdings ehrlich gesagt bei weitem nicht so schwierig, einen Platz zu ergattern. Es gibt eine Quote, nach der ein bestimmter Teil der Studienplätze an sogenannte "Härtefälle" vergeben wird. Dafür muss man natürlich umfangreich durch einen Facharzt nachweisen lassen, dass man eben nicht zur Überbrückung der Wartezeit eine Ausbildung zur Krankenschwester oder Ähnliches machen kann. Näheres dazu findet man allerdings auf Hochschulstart, ich bin kein Experte und einfach nur froh, dass es bei mir geklappt hat :D
Ob diese Regelung wirklich fair und sinnvoll ist, mag ich nicht beurteilen. Ein bisschen schlecht fühle ich mich allerdings nach wie vor, weil ich so unkompliziert zum Studium zugelassen wurde, ohne dass vorher einmal meine Eignung überprüft wurde. Aber nun bin ich drin und es läuft bisher ziemlich gut (klopf auf Holz).
Tja, wie klappt das denn nun mit dem Medizinstudium als Rollstuhlfahrer?
Also eigentlich echt nicht anders, als bei meinen laufenden Kommilitonen. Selbstverständlich ist es erforderlich, dass die Gebäude, in denen man Vorlesungen, Seminare und Praktika hat, barrierefrei sind.
Das ist leider nicht an jeder Uni der Fall, weshalb ich mir vorher meine Wunschunis persönlich angeguckt habe und Kontakt mit den Verantwortlichen für Studenten mit Behinderung aufnahm. Mir wurde zwar mehrmals gesagt, dass die Uni wohl (sofern man angenommen wurde) verpflichtet sei, einem das Studium barrierefrei zu ermöglichen, aber ich stelle mir das recht stressig und nervenaufreibend für alle Beteiligten vor.
Meist ist die Barrierefreiheit nämlich durch denkmalgeschützte Gebäude nicht gegeben und ich denke, dort sind die Möglichkeiten zur Lösung des Problems recht eingeschränkt. Deshalb habe ich mich an einer Universität beworben, an der bereits eine Rollstuhlfahrerin studierte und an der die baulichen Gegebenheiten stimmten. Schlecht ist es natürlich, wenn Fahrstühle etc defekt sind. Dann mussten bisher meine Freunde ran, um den Rollstuhl die Treppen hinaufzutragen. Was natürlich eigentlich echt nicht die Lösung sein kann..
Vor Beginn des Studiums sollte ich mich dann bei jedem einzelnen Lehrkoordinator der jeweiligen Fächer, die ich im darauffolgenden Semester belegen sollte, melden. So konnte der Studenplan so angepasst werden, dass die Veranstaltungsräume immer mit dem Rollstuhl zugänglich waren. Das handhabe ich nun nach wie vor so und schreibe vor jedem Semester einige Mails darüber, dass ich Rollstuhlfahrerin bin und studiere, yeah :D Bisher hat das tatsächlich fast niemanden interessiert, nur ein - zwei Mal wurde ich um ein Treffen gebeten, um die Gegebenheiten vor Ort anzuschauen.
Da ich nun in den klinischen Abschnitt des Studiums eintrete und bisher niemand im Rollstuhl an meiner Uni im klinischen Abschnitt studiert hat, bin ich sehr gespannt, wie das wohl wird (und sollte wohl schleunigst mal die Mails schreiben..).
In der Vorklinik belegt man den berühmt-berüchtigten Präparierkurs. Hier lernt und vertieft man seine Anatomiekenntnisse, indem man über mehrere Monate hinweg in einer kleinen Gruppe einen Körperspender präpariert. Mag sich für manch einen gruslig bis eklig anhören, ist aber nichts dergleichen. Für mich war der "Präpkurs" eine sehr interessante Erfahrung, auch wenn einem ständig der Druck der bevorstehenden Testate im Nacken saß.
Jedenfalls muss man zum Präparieren gut an den Tisch kommen, auf dem der Körperspender liegt. Da die Tische bei uns nicht höhenverstellbar sind, haben wir uns überlegt, dass ich mich auf einen hohen Stuhl setze, der ein bisschen einem Barhocker ähnelte. Klingt makaberer, als es war. Mit den Füßen konnte ich mich an einer Leiste unten am Tisch abstützen und ich konnte meist nur mit einer Hand arbeiten, da ich die andere ebenfalls zum abstützen benötigte. Das war ziemlich anstrengend, aber immerhin die beste Möglichkeit. Und anstrengend war das Ganze sowieso für jeden, da man drei Stunden in leicht gebückter Haltung ausharrte.
In der Biochemie mussten wir verteilt über zwei Semester mehrere Praktika (also Versuche im Labor) absolvieren. Hierbei wurde der Praktikumsplatz für mich und meine Partnerin immer an einem niedrigen Tisch aufgebaut, um das Arbeiten im Sitzen zu ermöglichen.
Ansonsten musste nichts weiter an mich angepasst werden, soweit ich mich erinnere.
Anders als ich noch vor ein paar Jahren erwartet habe, ist es - zumindest aus meiner Perspektive - also doch relativ easy, als Rollstuhlfahrer Medizin zu studieren (wenn man nur die Barrierefreiheit und nicht das Studium selbst betrachtet.. :D), was keine Selbstverständlichkeit ist, obwohl es eine sein sollte.
Freitag, 29. März 2019
London Calling
Wie sich zeigt, bin ich echt schlecht darin, regelmäßig Blogeinträge zu schreiben. Da kündige ich lang und breit an, den Jakobsweg befahren zu wollen und nun kommt einfach nichts mehr. Das hat aber tatsächlich auch seine Gründe.
Da ich ja sechs helfende Hände bei mir hatte und mittlerweile recht geübt im Stufen überwinden und Treppen steigen bin, haben wir nicht explizit darauf geachtet, dass die Unterkunft barrierefrei ist. Die Hauptsache für uns war, dass sie zentrumsnah, günstig und einigermaßen gut bewertet ist. Sauber war sie leider nicht, es gab Mäuse & Läuse, aber wir haben es überstanden und für die vier Nächte war es auszuhalten. Irgendwo muss man ja Kompromisse eingehen :D
Alles in allem war es trotz kleinerer Schwierigkeiten gut möglich, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abzuklappern (auch wenn wir pro Tag auch etwa 11-15 km zu Fuß unterwegs waren, um von A nach B zu kommen). -
Ja, ich habe eine Querschnittlähmung. Nein, ich hatte keinen Unfall. Meine Lähmung hat eine nicht-traumatische Ursache. Das heißt, sie is...
-
Mehr als die Hälfte meiner Famulatur ist geschafft und ich mache mir schon wieder Gedanken darüber, welchen Kuchen ich zum Abschied mitbring...
-
Momentan ist in meiner Gefühlswelt irgendwie der Wurm drin. Objektiv betrachtet geht es mir natürlich gut, ich habe kaum Grund, mich zu bekl...