Montag, 13. August 2018

Zwickmühle

Für die Reha, die ich derzeit mache, wurde mir ein Zeitraum von drei Wochen von der Krankenkasse bewilligt. Mit der Zeitspanne war ich auch zufrieden, so habe ich noch genug von meinen Semesterferien. Nun ist es aber so, dass die Ärzte der Station quasi automatisch Verlängerungen bei der Kasse beantragen.
Meine Reha endet in sieben Tagen an einem Montag. Etwas irrsinnig, weil am Wochenende eh keine Therapien laufen, aber ich kann die Zeit hier ja trotzdem für Sport nutzen. Da es mir hier sehr gut gefällt, hätte ich auch eigentlich kein Problem mit einer Verlängerung. Zwei Wochen würde ich schon dranhängen; alles andere wäre mir allerdings wieder zu viel, weil ich gern noch etwas Zeit zu Hause haben wollte, bevor das Studium wieder losgeht.

Natürlich wird aber nur für drei Wochen verlängert. Und dann kommt noch dazu, dass ich ein Ticket für ein Konzert in knapp zwei Wochen habe, wofür mich dann extra jemand von hier abholen müsste (ich bin knapp vier Stunden von zu Hause entfernt und habe mein Auto nicht hier).

Ich könnte zwar die Verlängerung von drei Wochen annehmen und dann die Reha vorzeitig abbrechen. Aber dann kann mir die Krankenkasse diese Entscheidung übel nehmen, was ja irgendwo nachvollziehbar ist, und mir im schlimmsten Fall die nächste Reha nicht genehmigen. Und da ich noch jung bin und wohl in den nächsten Jahren wieder zur Reha fahren wollen werde, hat mir die Ärztin davon abgeraten.

Blöde Situation. Ich weiß, dass es gut für mich wäre, hier zu bleiben und weiter zu trainieren. Zu Hause mache ich das nicht so intensiv, egal wie fest ich es mir vornehme. Aber ganze drei Wochen möchte ich nicht hier bleiben und das Konzert kann ich dann auch vergessen. Bis morgen muss ich mich entschieden haben.

Montag, 30. Juli 2018

Woche 1

Montag: Heute hatte ich meinen ersten Therapietag. Viel los war noch nicht, da meine Physiotherapeutin sich erstmal ein Bild über meine Einschränkungen und meine verbliebenen Fähigkeiten gemacht hat. Sie hat sich angesehen, wie ich mit Stützen laufe und wie ich Treppen steige. Das war schon mal super anstrengend, zumal die Strecke nicht gerade kurz war und es in der Klinik durch die Hitze total aufgeheizt ist.

Am Nachmittag ging es mit einer weiteren Einheit auf der Therapieliege weiter. Die Therapeutin hat mich schon ziemlich an meine Grenzen gebracht, um zu sehen, woran wir in den kommenden Wochen arbeiten wollen. War jetzt nicht wirklich motivierend. Aber dafür bin ich ja hier. Zumindest um das, was ich kann, weiter auszubauen. Morgen werde ich wohl schon unter Strom gesetzt und am Mittwoch habe ich Therapie im Wasser - endlich! Ich hoffe, mein Plan ist ab morgen voller. Den Fitnessraum und das Schwimmbecken kann man hier auch zu bestimmten Zeiten außerhalb der Therapie in der Freizeit nutzen; allerdings braucht man dafür vorher eine Einweisung und eine Unterschrift vom Arzt. Werde ich in den nächsten Tagen hoffentlich bekommen und dann kann's losgehen.

Mein Bad teile ich mir seit heute mit einem älteren Herrn aus dem Nachbarzimmer. Wir haben von unseren Zimmern aus jeweils einen eigenen Zugang zum Bad; die Türen kann man nicht abschließen. Das ist, zugegebenermaßen, schon sehr gewöhnungsbedürftig, wenn man in der Dusche (ohne Duschvorhang) sitzt und Angst hat, dass jeden Moment die Tür aufgeht. Aber was soll's, noch ist die Situation ja nicht eingetreten und vorher möchte ich keine großen Umstände machen.

Ich habe heute zum Zeitvertreib viel gelesen - nichts medizinisches, auch mal wieder schön - und bekomme sogar gleich Besuch:)

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Mittwoch: Gestern war es dann schon so weit. Ich saß nackig in der Dusche und plötzlich wurde die Tür sperrangelweit aufgerissen. Immerhin 'nur' ein Pfleger mit 'ner vollen Ente. Hach, endlich wieder Krankenhausgefühle! Heute soll ich dann im Laufe des Tages eine neue ZimmernachbarIN bekommen; ich bin gespannt. Ansonsten habe ich gestern etwas Anschluss zu den anderen 'jüngeren' Leuten gefunden, die immerhin nur etwa 10 Jahre älter sind als ich. Aber alle total nett und gut gelaunt. Bisschen witzig: einer der anderen Patienten erzählte mir sehr ausführlich von den vielen gefährlichen Thrombosen, die er als frischer Querschnitt hatte und zog währenddessen genüsslich an seiner Kippe :D

Die Therapien gestern waren mal wieder echt anstrengend und ich bin viel gelaufen. Heute geht es unter anderem mit Laufbandtraining, Physiotherapie und Training im Wasser weiter. Endlich ein richtig voller Therapieplan. Mal schauen, wie ich bei der Wärme durchhalte.

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So, es ist Sonntag und die erste Woche ist überstanden. Fazit: Mittlerweile habe ich mich eingelebt und es gefällt mir hier größtenteils echt gut. Die Therapien sind richtig anstrengend und fordern mich. Ich habe Laufbandtraining, Physiotherapie, Ergotherapie, Vojta (dazu an anderer Stelle mehr), Elektrotherapie und allgemein Gymnastik. In der freien Zeit gehe ich schwimmen oder in den Fitnessraum. So viel bewegt habe ich mich schon lange nicht mehr. Mein Schulter-Nacken-Bereich bekommt die Anstrengung ordentlich zu spüren und ich hoffe, nächste Woche mal 'ne Massage zu bekommen; sonst bekomme ich Dauerkopfschmerzen. Aber das sollte sich regeln. Auf jeden Fall lohnt es sich bisher hier zu sein.

Gelernt habe ich außerdem, dass Krankenschwestern die schnellsten Wesen auf dieser Welt sind. Während mein Gehirn gerade noch das Klopfen an der Zimmertür verarbeitet, steht sie schon direkt neben einem und der eigene Arm hat noch nicht mal das Signal bekommen können, sich schützend vor den nackten Oberkörper zu bewegen. Aber gut, so ist das in der Klinik; da lernt man mal wieder sämtliche Hemmungen abzulegen und seine Intimsphäre ordentlich zu verkleinern :b

P.S.: Ja, die 2 kg auf dem Bild stemme ich wirklich.

Freitag, 27. Juli 2018

Reha die II.

Endlich Semesterferien. Ich weiß, die meisten stecken momentan noch mitten in der Prüfungsphase, aber in meinem Studiengang ist das etwas anders geregelt. Sofern ich die letzte Prüfung bestanden habe, habe ich nun das zweite Semester geschafft. Das mehr oder weniger intensive Lernen in den letzten Wochen war auch der Grund für meine Schreibpause hier auf dem Blog. Außerdem passiert ja nun auch nicht ständig irgendetwas Erzählenwertes. Aber jetzt!

Ich bin nämlich nach vier Jahren mal wieder zur stationären Reha gefahren. Ich habe mir vorgenommen, drei Wochen lang intensiv Physiotherapie zu machen und alle möglichen Sportangebote anzunehmen. Während des Semesters blieb mir dafür irgendwie nicht die Luft, aber ich merke, dass es meinem Körper gut tut und würde es auch gern schaffen, das Laufen mit Gehstützen etwas besser in meinen Alltag einzubauen.

Heute Mittag kam ich also in einer landschaftlich wirklich sehr schön gelegenen Reha-Klinik mit Querschnittszentrum an. Leider fühlte ich mich anfangs ziemlich in meine Akutphase vor etwas über vier Jahren zurückversetzt. Die Station für Querschnittgelähmte ist gleichzeitig auch die Frühreha und erinnert deshalb stark an ein Akutkrankenhaus. Klar ist das nicht schlimm, aber ich habe mich direkt so hilflos und abhängig wie damals gefühlt. Aber mittlerweile habe ich mich gefangen und ignoriere die Krankenhaus-Atmosphäre einfach.
Die Mitarbeiter sind bisher alle recht nett gewesen; ich wurde gründlich untersucht und bin gespannt auf den Therapieplan, den mir der Arzt für Montag zusammenstellt. Ich habe zwar den Eindruck, definitv eine der jüngsten Patienten hier zu sein, aber was soll's. Der eine oder andere halbwegs nette Gesprächspartner wird sich in den nächsten Tagen schon finden. Das Abendbrotangebot ist eher spärlich, die Sportangebote dafür umso attraktiver. Ich ärgere mich ziemlich, mir nicht eine Klinik speziell für Kinder und Jugendliche gesucht zu haben, aber nun ist es so wie es ist und ich bin gespannt auf die kommende Woche. 

Dienstag, 10. Juli 2018

Verdammt. Und dann stehst du im Regen...

...und beim Rollstuhlfahren hilft dir kein Schirm.

Zumindest, wenn man wie ich immer noch nicht auf die Reihe bekommen hat, sich so einen fancy Rollstuhl-Schirmhalter zu besorgen. Allerdings würde ich diesen an Regentagen wahrscheinlich genauso wie den Regenschirm vergessen und die Anschaffung würde sich nicht wirklich lohnen. Und so wie ich mich kenne, wäre mir das Ganze ohnehin schon wieder unangenehm. Also muss die Regenjacke reichen (ja, da wird der Schoß leider trotzdem nass). Was mich jedoch am Rollstuhlfahren im Regen viel mehr stört: die nassen Greifreifen. Mir fehlt dann fast komplett der Grip und ich brauche 'nen viel längeren Bremsweg. 

Aber gut, trotzdem regnet es ja manchmal unerwartet. Und man steht an der Bahnhaltestelle, die Jacke hat keine Kapuze, man fühlt sich allmählich wie der berühmte begossene Pudel...und auf einmal wird es trocken über dem Kopf. Weil ein anderer Wartender so nett ist, und seinen Regenschirm teilt. Ist mir jetzt schon mehrmals passiert; jedes Mal hat mich das richtig glücklich gemacht. Da finde ich ungefragte Hilfe ausnahmsweise auch mal echt gut. <3


Dienstag, 10. April 2018

8 Sekunden (Cyberdyne III)

Es war so weit. Auch ich durfte damit beginnen, in der futuristischen Atmosphäre im neurorobotalen Trainingszentrum in Bochum zu trainieren.

Jede Trainingseinheit dauerte eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde kontinuierliches Laufen mit dem Roboter auf einem Laufband. Klingt gar nicht mal so viel, war aber gerade anfangs absolut anstrengend. Vor und nach jedem Training wurde ein 10 Meter Gehtest absolviert, bei dem jedes Mal Schrittzahl und Zeit notiert wurden. Generell wurde das Training regelmäßig mit Videokamera und verschiedensten Tests dokumentiert.

Als ich mit dem Training begann, konnte ich schon relativ gut mithilfe von Gehstützen (Krücken) laufen; ich hatte also recht gute Voraussetzungen für die Therapie (vor allem auch Dank des intensiven Trainings mit meiner Physiotherapeutin in der Heimat!). Allerdings war die Akutphase meiner Erkrankung zu dem Zeitpunkt schon zweieinhalb Jahre her und die Erfolgschancen sind wohl bei den meisten Therapien größer, je frischer der Querschnitt ist. Aber trotzdem, ich war ziemlich guter Dinge.

Während der ersten Tage musste der Roboter erstmal auf mich eingestellt und alle Gurte etc an mich angepasst werden. Die ersten Trainingseinheiten waren so anstrengend, dass ich währenddessen zeitweise gar nicht sprechen konnte. Klar, ist normal beim Sport, aber wenn man mal darüber nachdenkt, dass es sich dabei "nur" um Laufen mit Unterstützung handelte.. Für Außenstehende wahrscheinlich nicht vorstellbar, dass das so viel Kraft kosten kann. Allmählich spielte sich das Ganze aber ein und ich hatte richtig Spaß am Laufen. Nicht zuletzt lag das an den durch und durch netten Therapeuten; ich hab mich wirklich richtig wohl gefühlt. Mein Gott, das klingt nach richtig schlechter Werbung, aber ich schwöre, dass es so war.

Es tat gut, sich täglich körperlich richtig anstrengen zu müssen und ständig motivierten mich kleine Erfolge. Zum Beispiel habe ich es anfangs Stück für Stück geschafft, meine Füße beim Laufen gerade nach vorn zu führen. Da die Außenrotatoren meiner Beine kaum ansteuerbar sind, ist es schwer für mich, meine Beine quasi achsengetreu zu halten oder nach außen zu drehen. Deshalb zeigten meine Fußspitzen bei der Therapie zum Anfang immer nach innen. Erstaunlich schnell konnten wir das aber kompensieren, was sich dann auch beim Laufen ohne Roboter zeigte. Das war so der erste sichtbare Erfolg, der sich einstellte.

Im Laufe der Zeit konnte ich dann auch noch nachweislich meine Stabilität beim Gehen und meine Gehgeschwindigkeit verbessern. Man läuft ja mit dem Roboter und ist zusätzlich noch in einen Gurt quasi "eingehängt", um das Körpergewicht etwas zu nehmen und das Laufen soweit zu erleichtern, dass man überhaupt eine halbe Stunde durchhalten kann. An den Seiten des Laufbands befinden sich jeweils eine Haltestange, auf die ich mich die ersten Wochen noch recht stark aufstützen musste. Irgendwann konnte ich jedoch auch problemlos eine Hand von der Stange loslassen, teilweise sogar für ein paar Schritte beide Hände. Klar, ich war immer noch eingehängt, aber diese Übung erfordere schon ein gewisses Maß an Stabilität, die ich im Laufe der Zeit durch das Training erreichte.
Besonders deutlich zeigten sich meine Fortschritte dann jedoch beim 10 Meter - Gehtest. Mein Becken "wackelte" nicht mehr so stark, ich lief deutlich mehr aufgerichtet als vor der Therapie und konnte meine Beine insgesamt wie schon erwähnt gerader nach vorn bewegen. Besonders eindrucksvoll zeigte sich die Verbesserung meiner Gehgeschwindigkeit. Bei meiner ersten Trainingseinheit lief ich die 10 Meter in 23 Sekunden. Meine Bestzeit lag später bei 8 Sekunden. Für mich schon ein beträchtlicher Unterschied.

Da das Training so gut lief, baten wir bei meiner Krankenkasse um eine Verlängerung um einen Monat. Ich bin froh, das Glück gehabt zu haben, diesen Monat tatsächlich bewilligt zu bekommen. Mir gefiel es gut in Bochum, das Traning machte Spaß, ich bekam ab und an Besuch und fuhr auch mal über's Wochenende in die Heimat. Ich freute mich, bis kurz vor Weihnachten mit dem HAL-Roboter Laufen zu können und war wirklich traurig mich von der Stadt, von "meiner" Wohnung, vom Training und vor allem von den lieben Menschen, die ich kennengelernt hatte, verabschieden zu müssen.
Während der Zeit bei Cyberdyne wurde ich von einem kleinen japanischen Filmteam begleitet, dass mich ein paar Mal beim Training besuchte und meine Fortschritte dokumentierte. Die Doku, für die dieses Material gedreht wurde, beschäftigt sich damit, wie in Fukushima (wo der HAL Roboter entwickelt wurde) nach der Katastrophe weiter gearbeitet und entwickelt wird, vor allem im Bereich der Medizintechnik. Interessantes Thema. Und wieder eine bereichernde Erfahrung mit total lieben Leuten, die ich nicht missen möchte.

Insgesamt hat mir das Training körperliche Fitness gegeben; ebenso ein besseres Gefühl für meinen Körper und vor allem Muskelzuwachs. Gemessen wurde dieser in regelmäßigen Abständen und besonders meine Oberschenkel nahmen an Umfang zu. Und ja, das waren Muskeln!
Wie schon erwähnt verbesserten sich ebenso mein Gleichgewicht, meine Stabilität und somit die Sicherheit beim Laufen und die Gehgeschwindigkeit selbst; wovon ich auch heute noch profitiere.
Allerdings hat sich das Training allein schon dafür gelohnt, dass all die Erfahrungen, die ich in Bochum machte, ausschlaggebend dafür waren, dass ich mit meiner Erkrankung so klarkomme, wie es derzeit der Fall ist. Ich würde mich auf keinen Fall als sonst wie reife, entwickelte Persönlichkeit beschreiben, aber diese Zeit hat mich wirklich wachsen lassen.

Ich weiß, dass das Training bewirken sollte, dass ich den Rollstuhl weniger brauche und vielleicht eines Tages wieder frei laufen kann. Natürlich wäre das nach wie vor wahnsinnig schön und erstrebenswert, aber ich habe durch diese Erfahrungen gelernt, dass es okay ist, im Rollstuhl zu sitzen. Dass ich auch so mein Leben selbstständig auf die Reihe kriegen kann. Dass ich vielleicht auch sogar einfach Medizin studieren kann.

Und vor allem, dass es nicht peinlich ist, wenn ein Mädel im Rollstuhl allein unterwegs ist (warum auch?!).

Und jetzt weiß ich, dass es absolut wichtig war, an diesen Punkt zu gelangen. Ich dachte immer, wenn ich akzeptiere im Rollstuhl zu sitzen, dann ist es vorbei. Dann komme ich da auch nie wieder raus. Eine Schwäche.

Nachdem ich die Tatsache jedoch weitgehend akzeptiert habe, fühle ich mich definitiv stärker als zuvor und seitdem traue ich mir auch mehr zu. Und genau das sind wohl die besten Voraussetzungen, für vielleicht irgendwann auftretende weitere Fortschritte.
Ich bin allen, die mich in dieser Zeit unterstützt haben, richtig dankbar - schnulz!

Freitag, 6. April 2018

Tief im Westen (Cyberdyne II)

Der Sommer nach meinem Abi verstrich und ich blendete irgendwie die ganze Zeit immer ein bisschen aus, dass es für mich Ende August 2016 schon nach Bochum gehen sollte. Klar, alle anderen fingen auch etwa zur gleichen Zeit mit Studium oder Ausbildung an und einige verschlug es sogar auf ganz andere Kontinente - aber trotzdem hatte ich echt Angst davor, alleine zu wohnen.

Zu Hause war ich seit ich im Rollstuhl saß nicht ein einziges Mal irgendwo allein. Ich hatte bis einen Tag vor meiner "Abreise" nach Bochum noch keinen Führerschein; bei uns fuhr kein barrierefreier Bus und Bahnen gab es in unserem kleinen Ort ja sowieso nicht. Ganz abgesehen davon, dass es mir zu diesem Zeitpunkt immer noch wahnsinnig unangenehm und peinlich war, selbst mit dem Rollstuhl unterwegs zu sein. Fast immer wurde ich von Freunden oder meinen Eltern durch die Gegend geschoben (mittlerweile ist es mir eher peinlich, geschoben zu werden).

Ich war damals seit meiner Erkrankung nicht ein einziges Mal selbst einkaufen; wusste nicht, wie ich Einkauf überhaupt transportieren sollte und wie ich von meiner Wohnung in die Stadt kommen könnte.

Kurz um: Ich fühlte mich absolut unselbstständig und nicht in der Lage, mein Leben alleine auf die Reihe zu kriegen. Und irgendwo schlägt sowas bei einer 18 jährigen dann ja schon auf's Gemüt. Freunde und Familie haben zwar versucht mir alles, was ich machen wollte, soweit zu ermöglichen, aber trotzdem wusste ich ja, dass das alles nicht von mir kam. Ich habe mich damals schon echt unnötig selbst eingeschränkt, so im Nachhinein betrachtet.

Trotzdem habe ich die Therapie in Bochum letztendlich einfach auf mich zukommen lassen. Anfangs war meine Familie noch ein paar Tage bei mir, um die wichtigsten Sachen zu organisieren und auszukundschaften. Wo ist die nächste barrierefreie Haltestelle? Wie komme ich mit der Bahn in die Stadt (Achtung, Landei)? Wo kann ich einkaufen? Kann ich den Einkauf auf meinem Schoß zu meiner Wohnung transportieren? Wie komme ich zur Therapie? Und so weiter.

Letztendlich war alles unkomplizierter, als es vorher schien. Gewohnt habe ich in einem Appartement, das die Firma Cyberdyne ihren Patienten zur Verfügung stellt. Eine aus meiner Sicht mehr als ausreichend große, perfekt barrierefreie und natürlich schon fertig eingerichtete Wohnung mit großem Balkon.

Die nächstgelegene Bahnhaltestelle war leider nicht barrierefrei, weshalb man "zu Fuß" eine Haltestelle weiter fahren musste. Bei gutem Wetter war das kaum ein Problem; ein bisschen Bewegung schadet ja auch nicht. Auf dem Rückweg musste man jedoch eine kleine Steigung überwinden und da ich damals noch mit meinem schweren Faltrollstuhl fuhr, verfluchte ich den Weg trotzdem das ein oder andere Mal. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Nicht weit von der Wohnung entfernt gab es gut erreichbar zwei Supermärkte und einen Drogeriemarkt, sodass ich meinen Einkauf auch nie über weite Strecken transportieren musste. Mit 'ner Einkaufstasche auf dem Schoß war das recht gut machbar und ich wusste schnell nicht mehr, warum ich mir darüber vorher so ausgiebig 'nen Kopp gemacht habe.

Zur Therapie wurde ich mit einem von meiner Krankenkasse bezahlten Fahrdienst gebracht. Luxus. Und auch kein riesiger Transporter mit Rampe und Piepen beim Rückwärtsfahren. Ganz normale, dezente PKWs. Perfekt für meine eitlen Ansprüche. Nein, wirklich, dieser Fahrdienst hat mir Einiges erleichtert und Begegnungen mit ziemlich netten Leuten gebracht.

In Bochum habe ich mich auch schnell eingefunden. Die Bars und Restaurants im Bermudadreieck wurden mit Familie und Freunden, die mich im Laufe der Zeit besuchten (merci), erkundet; ebenso der botanische Garten der RUB; der Kemnader See (im Sommer im Tretboot mit Melone); einige Parks in der Stadt; das Zeltfestival Ruhr und auch außerhalb Bochums die Städte Oberhausen, Düsseldorf, Köln und sogar Amsterdam.

 Ich lernte in der Zeit einige richtig liebe Menschen kennen; war zum ersten Mal in meinem Leben in 'nem Fußballstadion und überwandt mich irgendwann sogar, abends ganz allein zu 'nem Poetryslam zu gehen. Ohne Begleitung. Im Rollstuhl. Ein paar Monate vorher wäre das unvorstellbar gewesen.
Da ich trotz allem neben der Therapie relativ viel Zeit hatte und mich ja langsam mal orientieren musste, was meine Zukunft betraf, tat ich es Gianna nach und bewarb mich für ein Praktikum in einem Bochumer Unfallkrankenhaus. Passenderweise auf der Station für Rückenmarksverletzte. Dieses Praktikum war so interessant und gefiel mir so gut, dass es ausschlaggebend für meine Studiengangswahl war.

Durch diese Zeit habe ich nicht nur an Selbstbewusstsein gewonnen, sondern vor allem auch gelernt, mit meiner Behinderung besser umzugehen. Ich glaube, ohne diese Erfahrung hätte ich das nicht so gut geschafft.

                                          

Dienstag, 3. April 2018

Ganz viel Hoffnung und ein bisschen Futurismus (Cyberdyne I)

Wie viele Andere wusste auch ich bis zum Abi immer noch nicht, was ich denn danach überhaupt machen wollte. Ich habe mich ewig mit den verschiedensten Studiengängen und Berufen beschäftigt, aber konnte mich nie zu hundert Prozent festlegen. Medizin interessierte mich damals, aber als Rollstuhlfahrerin schloss ich das von Vornherein für mich aus. Da ich ohnehin nach dem Abi erst nochmal zur stationären Reha wollte (eher "sollte" :D), beschloss ich, nicht direkt danach mit Studium oder Ausbildung zu beginnen.

Glücklicherweise ergab sich genau in dieser Zeit aber alles etwas anders.. Ich scrollte - wie ich das wahrscheinlich viel zu oft mache - gelangweilt durch Facebook und sah, dass jemand aus meiner Freundesliste eine Seite mit dem Titel "Lauf, Gianna, lauf!" abboniert hatte (https://www.facebook.com/laufgiannalauf/?fref=ts). Auf dem kleinen Bild erkannte ich eine junge Frau neben einem Pferd und da ich die Kombination aus Pferden und dem Thema Laufen gut fand, guckte ich mir die Seite näher an. Sah, dass die besagte junge Frau auf dem Bild im Rollstuhl saß und schaute mir ein Video an, dass auf der Seite geteilt wurde.

Ich weiß noch ganz genau, wie ich in meinem Zimmer saß, fast aus allen Wolken fiel und vor Hoffnung beinahe platzte, weil Giannas Geschichte sooo gut zu meiner passte. Sie erzählte in dem Video von einer robotergestützen Lauftherapie mit einem Exoskelett, dem so genannten  HAL. Giannas verbliebene Funktionen ähnelten meinen damals sehr (so weit man das mit einem Video beurteilen kann) und die Therapie mit dem HAL wirkte von Anfang an sehr erfolgversprechend auf mich. Nicht falsch verstehen, niemand hat dort irgendwem Versprechungen gemacht - ich habe nur meine Symptomatik mit der von Gianna verglichen und daher die Hoffnung geschöpft, dass das Training bei mir auch so gut helfen würde.

Meine Eltern waren genauso begeistert und schon bald setzte sich meine Mama mit der Firma Cyberdyne Care Robotics, die das HAL-Training durchführt, in Kontakt. Alles ganz unkompliziert, alle total nett. Die Therapie fände bei den meisten Patienten drei Monate lang im neurorobotalen Trainingszentrum in Bochum statt, wurde uns mitgeteilt. Problem: Die Finanzierung bei Patienten, bei denen die Krankenkasse dafür aufkommen müsste. Was bei mir natürlich der Fall war.
Aber daran war ohnehin noch gar nicht zu denken; wir wussten ja noch nicht mal, ob ich für das Training überhaupt geeignet war. Also wurden wir schon kurz darauf zum Probelaufen nach Bochum eingeladen.

Im Juli 2015 lief ich also erstmals (in ziemlich futuristischer Atmosphäre) probehalber mit dem HAL auf dem Laufband. Was anfangs natürlich total ungewohnt war. Der Roboter registriert durch an den Beinen aufgeklebte Elektroden die Impulse, die man seinen Muskeln selbst noch geben kann und berechnet, wie stark er einen unterstützen muss. Man läuft also selbst aktiv auf dem Laufband und wird vom Roboter mit unterstützt; ist aber mithilfe eines Gurtes etwas "aufgehängt" und damit entlastet. Wer genauer wissen will, wie so ein HAL funktioniert, sollte sich aber lieber nochmal bei http://www.ccr-deutschland.de informieren; ich kann das ja nur sehr laienhaft erklären.
Jedenfalls erfüllte mich das Probetraining wie eigentlich erwartet mit viel Hoffnung, da ich medizinisch gesehen wirklich gut dafür geeignet war. Meine Restfunktionen haben ausgereicht, dem Roboter die nötigen Signale zu übermitteln.

Dazu kam, dass die paar Leute, die wir bei diesem einen Training kennenlernten, schon super nett zu uns waren; Bochum mir wirklich schöner erschien, als es das Klischee vielleicht vorgibt und ich vor allem durch die Erfahrung anderer sehen konnte, wie viel diese Therapie bringen kann.
Für mich Stand also fest, dass ich nach dem Abi unbedingt dort trainieren wollte. Doch wer sollte das bei mir als Kassenpatient alles finanzieren? Auch wenn es recht aussichtslos erschien, versuchten wir es trotzdem bei meiner Krankenkasse. 

Und nach monatelangem Warten und viel Überredungskunst und Hilfe und Widerspruchschreiben und Hoffen und Drängeln und Vitamin B (traurig, aber wahr) bekam ich etwa ein halbes Jahr später die Zusage, dass meine Krankenkasse die Kosten für die Therapie für 3 Monate tragen wird. Noch dazu durfte ich in dieser Zeit in einem zur Verfügung gestellten Appartement wohnen. Quasi die erste "eigene" Wohnung auf Zeit.

Als ich dann 2016 mit dem Abi fertig war, mischte sich langsam etwas Angst in die Vorfreude, da mir klar wurde, erstmals auf längere Zeit allein in der großen Stadt ohne Mami und Papi und noch dazu mit Behinderung klarkommen zu müssen..