Samstag, 21. Dezember 2019

mehr als nur 'ne Gehbehinderung

Heute hatte ich denselben Pullover an, den ich am 20.12.2013 trug, als ich ins Krankenhaus gebracht wurde. Erkältet bin ich auch, genau wie damals. Nur bleibt diesmal (bitte hoffentlich) die Autoimmunerkrankung aus. 6 Jahre ist es nun schon her, seitdem verging die Zeit wie im Fluge, obwohl so viel Wichtiges in meinem Leben passiert ist - die Zeit in der Reha, der 'Neuanfang' in der Schule, das Abi, der Führerschein, Bochum, das FSJ, mein Studium. Und nebenher habe ich gelernt, mein Leben als Rollstuhlfahrerin zu führen.
Seit meinem Post zum "Fünfjährigen" kamen kaum neue Blogeinträge dazu. Es gibt nicht mehr viel Neues zu erzählen; viel ändert sich nicht. Ich mache körperlich keine nennenswerten Fortschritte, aber habe glücklicherweise auch keine Verschlechterungen zu verzeichnen. Wäre mein Umfeld barrierefreier, würde mir die Gehbehinderung an sich noch weniger ausmachen, als ohnehin schon. Eher stört mich immer noch, dass andere mich anders wahrnehmen als früher. Erst kürzlich hat eine mich unterrichtende Ärztin partout nicht in Erwägung gezogen, dass ich als Medizinstudentin dauerhaft Rollstuhlfahrerin sein kann. Sie dachte, ich würde nur temporär im Rollstuhl sitzen und hat erst spät verstanden, dass ich tatsächlich immer darauf angewiesen bin. Dass sie (als Neurologin) von Vornherein erstmal davon ausging, dass das nichts chronisches sein kann, hat mich irgendwie negativ überrascht. 
Obwohl die veränderte Wahrnehmung eigentlich nicht unbedingt schlecht sein muss; teilweise hat sowas für mich ja auch Vorteile. Und beeinflussen kann ich nicht, was andere von mir denken, deshalb ist es sowieso ratsam und gesünder, sich darum keine Gedanken mehr zu machen. Aber das habe ich immerhin schon mal erkannt und kann daran arbeiten. 

Und am meisten stört mich sowieso ein Thema, auf das ich hier noch nie näher eingegangen bin, was aber bei vielen Querschnittgelähmten und so auch bei mir große Präsenz einnimmt: Auch die Blasenfunktion wird mithilfe verschiedener Muskeln reguliert und auch diese Muskulatur kann von einer Lähmung betroffen sein. Dann muss man sich mehrmals am Tag katheterisieren und sein Trinkverhalten daran anpassen. Klingt viel simpler als es ist; in der Realität ist es (aus meiner Erfahrung) komplizierter und oft frustrierend. Allein die dadurch viel häufiger auftretenden Harnwegsinfekte und die damit verbundenen Antibiotika-Einnahmen. Oder das Problem, nicht spontan bei jemandem übernachten oder länger unterwegs sein zu können, weil man nicht genügend Material mitgenommen hat (dieses Material ist zum Glück übrigens recht klein und unauffällig). Ich bin zwar froh, dass es die Möglichkeit gibt; früher sind Gelähmte sehr zeitig an Nierenversagen verstorben, aber trotzdem ist die ganze Sache oft belastend. Vor allem, wenn man dadurch rund um die Uhr immer und überall auf von der Krankenkasse bezahltes Material angewiesen ist. Demzufolge kam es schon öfter vor, dass die (nicht vorhandene) Großzügigkeit meiner Krankenkasse letztendlich bestimmt hat, wie oft ich am Tag zur Toilette gehen konnte/durfte. Ich will wahrscheinlich auch weiterhin nicht viel detaillierter darauf eingehen (früher wussten davon nur meine Eltern und meine allerengsten Freundinnen), aber dies nur mal als kleiner Ausblick dahingehend, dass so ein Querschnitt leider mehr mit sich bringt, als nur eine Gehbehinderung. 

Und trotzdem - es geht mir gut, ich komme klar und denke, dass alles richtig so ist, wie es ist. 

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Gedanken

Momentan ist in meiner Gefühlswelt irgendwie der Wurm drin. Objektiv betrachtet geht es mir natürlich gut, ich habe kaum Grund, mich zu beklagen. Ich hatte schöne Ferien, bin froh so viel Zeit mit meiner Familie verbracht zu haben und natürlich bin ich nach wie vor erleichtert über mein bestandenes Physikum.

Aber trotzdem nagen zur Zeit Selbstzweifel und Neid mehr denn je an mir. Besonders in Bezug auf mein Äußeres finde ich Tausende verbesserungswürdige Stellen. Der Bauch könnte flacher sein, die Nase kleiner, die Oberschenkel schmaler, die Unterschenkel dicker, die Arme dünner, das Haar voller. Oh ja, mein aus unerfindlichen Gründen immer dünner und brüchiger werdendes Haar bereitet mir besonders Sorgen. Was für Luxusprobleme. Aber ich bekomme echt Panik bei der Vorstellung, in einem Jahr noch viel dünneres Haar zu haben, wenn das so weitergeht wie bisher (hoffentlich nicht). Dann vergleiche ich jedes Instagram-Bild, das ich sehe mit mir und erziele natürlich dabei nie zufriedenstellende Ergebnisse. In dieser Hinsicht ist der ganze Social-Media-Kram der größte Schrott.

Selbstverständlich könnte ich meinen Körper durch gesündere Ernährung und vor allem mit mehr Bewegung zumindest in einem gewissen Rahmen so 'formen', dass er mir besser gefällt. Warum ich das nicht mache? Keine Ahnung, wahrscheinlich aus Bequemlichkeit. Eine Fitnessstudiomitgliedschaft ist mir außerdem zu teuer und mein Handbike kann ich in meiner Uni-Stadt, wo ich während des Semesters nun mal die meiste Zeit verbringe, nicht unterstellen. Immerhin wird mir während der Physiotherapie körperlich Einiges abverlangt und ich habe immerhin so etwas Ähnliches wie ein Ergometer zu Hause, da bin ich tatsächlich auch recht diszipliniert, was regelmäßige Bewegung angeht.

Aber es geht nicht nur um mein Äußeres. Ich würde auch gern neue Leute kennenlernen; ich würde gern arbeiten gehen, um meinen Eltern nicht so auf der Tasche zu liegen und ich würde gerne endlich wieder ein Hobby haben, das mir Spaß macht, aber während des Semesters bleibt kaum Zeit. Zumindest ist es bei mir so, wie andere das hinbekommen ist mir ein Rätsel.

Ach ja, und dann sitze ich ja noch im Rollstuhl, falls es noch keiner mitbekommen hat, höhö. Der meiner Meinung nach einzige Punkt in meinem Leben, über den ich mich wirklich beschweren kann. Und selbst da hat's mich ja noch wirklich gut getroffen. Angeblich hat ja jeder sein Päckchen zu tragen. Und ich bin wirklich wirklich froh, dass es mir und meiner Familie so gut geht. Aber trotzdem fühle ich mich immer schlecht, wenn ich sehe, wie "gut" es Andere haben. Wahrscheinlich sind die mit ihrer Situation und ihrem Aussehen auch oft mal unzufrieden, aber ich werde trotzdem ständig neidisch. Und das Schlimmste: Ich bin dann ungewollt manchmal richtig fies und gönne niemandem etwas, wenn es mir selbst nicht so gut geht. Keine schöne Charaktereigenschaft und ich weiß auch selbst, dass ich so nicht sein will, aber das lässt sich ja nicht mal eben locker abschalten. Genauso, wie man nicht einfach anfangen kann, "sich selbst zu lieben".

Ich denke die meisten Dinge, die mich stören, kann ich tatsächlich nicht ändern. Das Einzige, was mir übrig bleibt, um mich von negativen Gedanken nicht komplett einnehmen zu lassen, ist die Sichtweise auf diese Dinge zu ändern. Das habe ich in Bezug auf meine Krankheit ja schon ein paar Mal ganz gut hinbekommen, aber ich habe das Gefühl, das immer wieder tun zu müssen. Man kommt nicht einfach irgendwann damit klar; man muss immer wieder daran arbeiten, damit klar zu kommen. Wie auch jeder andere Mensch, der irgendein Problem hat, das sich nicht von selbst auflöst.

Also noch einmal: ich bin absolut dankbar dafür, dass es mir so gut geht, ich bin auch -anders als das hier klingen mag- nicht dauerhaft traurig und unzufrieden, aber ich muss wieder neu lernen, mit mir und meiner Situation besser klar zu kommen. Und mir nicht ständig darüber Gedanken machen, dass andere Leute die schöneren Reisen machen, sportlicher und intelligenter sind, den attraktiveren Körper haben, oder einen Typen nach dem Anderen abbekommen. Klingt stumpf, aber genau so etwas denke ich mir.

Wird Zeit, dass die Uni wieder los geht und ich etwas Anständiges zu tun habe!

Freitag, 20. September 2019

"Hast du nicht schon genug von Krankenhäusern und Ärzten?" Nö. - Medizin studieren als Rollstuhlfahrer -

Der Hauptgrund, weshalb hier sooo lange nichts mehr von mir zu hören war - mein Studium. Ich wollte schon seit langem darüber schreiben, aber dachte mir immer, dass es blöd wäre so viel vom Studium zu erzählen, wenn man's letztendlich vielleicht nicht schafft. Eigentlich Quatsch, man kann ja auch dazu stehen, wenn man mal scheitert.

Geschafft habe ich das Studium noch nicht, aber immerhin mein erstes Staatsexamen und damit den ersten Teil des Studiums. Ich studiere Humanmedizin im (bald) 5. Semester; momentan befinde ich mich in den lang ersehnten Semesterferien.

Mit dem Medizinstudium habe ich schon zu Schulzeiten geliebäugelt, aber es nie für wirklich realistisch gehalten, gut genug für das Studium sein zu können. Auch Quatsch. Zumindest um die ersten vier Semester zu schaffen, muss man nach meiner Erfahrung kein Abi 1,0 - Kandidat sein.

Als ich dann krank wurde, zweifelte ich sowieso daran, ob ein Medizinstudium als Rollstuhlfahrer überhaupt möglich sein könnte und verwarf den Wunsch vorerst. Aber dass es zumindest "in Richtung Medizin" gehen sollte, war für mich klar.

Während meiner Zeit in Bochum erfuhr ich dann, dass sowohl das Studium als auch die Tätigkeit als Arzt mit Querschnittlähmung sehr wohl machbar ist. Ich durfte sogar während eines Praktikums auf der Station für Rückenmarksverletzte ausgerüstet mit dem ausgedienten Stehrollstuhl des Oberarztes zum Zuschauen mit in den OP-Saal. Ich war ab da verständlicherweise Feuer & Flamme und beschloss mich für das Studium zu bewerben.

Einige Monate später heulte ich vor Freude, als ich den Brief mit der Zusage in den Händen hielt. Als Jemand mit einer Behinderung ist es allerdings ehrlich gesagt bei weitem nicht so schwierig, einen Platz zu ergattern. Es gibt eine Quote, nach der ein bestimmter Teil der Studienplätze an sogenannte "Härtefälle" vergeben wird. Dafür muss man natürlich umfangreich durch einen Facharzt nachweisen lassen, dass man eben nicht zur Überbrückung der Wartezeit eine Ausbildung zur Krankenschwester oder Ähnliches machen kann. Näheres dazu findet man allerdings auf Hochschulstart, ich bin kein Experte und einfach nur froh, dass es bei mir geklappt hat :D

Ob diese Regelung wirklich fair und sinnvoll ist, mag ich nicht beurteilen. Ein bisschen schlecht fühle ich mich allerdings nach wie vor, weil ich so unkompliziert zum Studium zugelassen wurde, ohne dass vorher einmal meine Eignung überprüft wurde. Aber nun bin ich drin und es läuft bisher ziemlich gut (klopf auf Holz).

Tja, wie klappt das denn nun mit dem Medizinstudium als Rollstuhlfahrer?

Also eigentlich echt nicht anders, als bei meinen laufenden Kommilitonen. Selbstverständlich ist es erforderlich, dass die Gebäude, in denen man Vorlesungen, Seminare und Praktika hat, barrierefrei sind.

Das ist leider nicht an jeder Uni der Fall, weshalb ich mir vorher meine Wunschunis persönlich angeguckt habe und Kontakt mit den Verantwortlichen für Studenten mit Behinderung aufnahm. Mir wurde zwar mehrmals gesagt, dass die Uni wohl (sofern man angenommen wurde) verpflichtet sei, einem das Studium barrierefrei zu ermöglichen, aber ich stelle mir das recht stressig und nervenaufreibend für alle Beteiligten vor.

Meist ist die Barrierefreiheit nämlich durch denkmalgeschützte Gebäude nicht gegeben und ich denke, dort sind die Möglichkeiten zur Lösung des Problems recht eingeschränkt. Deshalb habe ich mich an einer Universität beworben, an der bereits eine Rollstuhlfahrerin studierte und an der die baulichen Gegebenheiten stimmten. Schlecht ist es natürlich, wenn Fahrstühle etc defekt sind. Dann mussten bisher meine Freunde ran, um den Rollstuhl die Treppen hinaufzutragen. Was natürlich eigentlich echt nicht die Lösung sein kann..

Vor Beginn des Studiums sollte ich mich dann bei jedem einzelnen Lehrkoordinator der jeweiligen Fächer, die ich im darauffolgenden Semester belegen sollte, melden. So konnte der Studenplan so angepasst werden, dass die Veranstaltungsräume immer mit dem Rollstuhl zugänglich waren. Das handhabe ich nun nach wie vor so und schreibe vor jedem Semester einige Mails darüber, dass ich Rollstuhlfahrerin bin und studiere, yeah :D Bisher hat das tatsächlich fast niemanden interessiert, nur ein - zwei Mal wurde ich um ein Treffen gebeten, um die Gegebenheiten vor Ort anzuschauen.
Da ich nun in den klinischen Abschnitt des Studiums eintrete und bisher niemand im Rollstuhl an meiner Uni im klinischen Abschnitt studiert hat, bin ich sehr gespannt, wie das wohl wird (und sollte wohl schleunigst mal die Mails schreiben..).

In der Vorklinik belegt man den berühmt-berüchtigten Präparierkurs. Hier lernt und vertieft man seine Anatomiekenntnisse, indem man über mehrere Monate hinweg in einer kleinen Gruppe einen Körperspender präpariert. Mag sich für manch einen gruslig bis eklig anhören, ist aber nichts dergleichen. Für mich war der "Präpkurs" eine sehr interessante Erfahrung, auch wenn einem ständig der Druck der bevorstehenden Testate im Nacken saß.

Jedenfalls muss man zum Präparieren gut an den Tisch kommen, auf dem der Körperspender liegt. Da die Tische bei uns nicht höhenverstellbar sind, haben wir uns überlegt, dass ich mich auf einen hohen Stuhl setze, der ein bisschen einem Barhocker ähnelte. Klingt makaberer, als es war. Mit den Füßen konnte ich mich an einer Leiste unten am Tisch abstützen und ich konnte meist nur mit einer Hand arbeiten, da ich die andere ebenfalls zum abstützen benötigte. Das war ziemlich anstrengend, aber immerhin die beste Möglichkeit. Und anstrengend war das Ganze sowieso für jeden, da man drei Stunden in leicht gebückter Haltung ausharrte.

In der Biochemie mussten wir verteilt über zwei Semester mehrere Praktika (also Versuche im Labor) absolvieren. Hierbei wurde der Praktikumsplatz für mich und meine Partnerin immer an einem niedrigen Tisch aufgebaut, um das Arbeiten im Sitzen zu ermöglichen.

Ansonsten musste nichts weiter an mich angepasst werden, soweit ich mich erinnere.
Anders als ich noch vor ein paar Jahren erwartet habe, ist es - zumindest aus meiner Perspektive - also doch relativ easy, als Rollstuhlfahrer Medizin zu studieren (wenn man nur die Barrierefreiheit und nicht das Studium selbst betrachtet.. :D), was keine Selbstverständlichkeit ist, obwohl es eine sein sollte.

Freitag, 29. März 2019

London Calling

Wie sich zeigt, bin ich echt schlecht darin, regelmäßig Blogeinträge zu schreiben. Da kündige ich lang und breit an, den Jakobsweg befahren zu wollen und nun kommt einfach nichts mehr. Das hat aber tatsächlich auch seine Gründe.

Der Freundin, die damals die Idee dazu hatte, ging es gesundheitlich ab Februar leider gar nicht gut. Praktika für die Uni mussten verschoben werden, die Zeit für drei  Wochen Portugal wurde knapp und überhaupt stand an vorderster Stelle erstmal ihre Erholung, weshalb an das Vorhaben Jakobsweg vorerst nicht zu denken war. Was aber nicht heißen soll, dass wir die Idee nun komplett abgeschrieben hätten. Es ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.

Da wir uns vor dem anstehenden Semester aber trotzdem ein paar Tage in der Ferne gönnen wollten, schauten wir uns recht spontan nach günstigen Reisen in Europa um. Relativ unkompliziert entschieden wir uns für fünf Tage London. Der Flug war schnell gebucht, ebenso die günstige zentrumsnahe Unterkunft.

Tja, wie geht das denn nun eigentlich mit dem Fliegen, wenn man einen Rollstuhl benutzt? Ich gebe zu, da selbst noch nicht allzu viel Erfahrung zu haben. Seit ich im Rollstuhl sitze war ich jetzt erst in 2 Urlauben mit dem Flugzeug, aber 'nen kleinen Einblick konnte ich da natürlich schon gewinnen.

Auf jeden Fall muss man bei der Buchung Bescheid geben, dass man einen Rollstuhl benutzt und ob es sich um einen manuellen oder einen elektrischen Rollstuhl handelt. Bei manchen Airlines muss man die Hilfeleistung um in das Flugzeug zu gelangen nochmal separat anmelden und Maße und Gewicht des Rollstuhls angeben. In unserem Falle klappte das alles ganz unkompliziert und der Airline reichte lediglich die Anmeldung des Rollstuhls bei der Buchung. Wir mussten uns zwei Stunden vor Abflug am Flughafen melden und dann ging (zumindest auf dem Hinflug) alles seinen Gang. Beim Rückflug hatten wir im Nachhinein das Gefühl, die zuständige Dame hätte uns versehentlich eine falsche Zeit genannt, zu der wir uns am Gate einfinden sollten. Nach einigem Stress und viel Aufregung saßen wir aber trotzdem am Ende im richtigen Flugzeug. Wenn auch etwas verspätet..

In das Flugzeug selbst wird man entweder mit einem speziellen Stuhl, der die Treppenstufen "hochklettert" oder direkt mit einem Fahrzeug, dessen Hebebühne bis zur Flugzeugtür fahren kann, gebracht.
Da ich ja sechs helfende Hände bei mir hatte und mittlerweile recht geübt im Stufen überwinden und Treppen steigen bin, haben wir nicht explizit darauf geachtet, dass die Unterkunft barrierefrei ist. Die Hauptsache für uns war, dass sie zentrumsnah, günstig und einigermaßen gut bewertet ist. Sauber war sie leider nicht, es gab Mäuse & Läuse, aber wir haben es überstanden und für die vier Nächte war es auszuhalten. Irgendwo muss man ja Kompromisse eingehen :D 

Ab und an beschwere ich mich ja ganz gern über nicht barrierefreie Bahnhaltestellen oder kaputte Aufzüge.. jetzt wo ich London als Rollstuhlfahrerin kennengelernt habe, weiß ich die Barrierefreiheit in Deutschland doch sehr zu schätzen. Ein gefühlt wirklich geringer Bruchteil der U-Bahn-Stationen waren mit einem Fahrstuhl zu erreichen. Noch seltener kam es vor, dass man vom Bahnsteig stufenlos in die Bahn fahren konnte. Meistens bin ich die Treppen zu den Plattformen heruntergelaufen bzw. habe ich mich auf die Rolltreppe gestellt und jemand trug meinen Rollstuhl hinunter. Um in den Zug zu kommen musste mir dann natürlich ebenfalls geholfen werden. Hat man die Londoner allerdings um Hilfe gebeten, waren alle wirklich aufgeschlossen und direkt hilfsbereit.

Was in London meiner Meinung nach für Rollstuhlfahrer unkomplizierter ist als in Deutschland ist das Busfahren. Man betätigt einen Knopf und am Bus wird eine Rampe hinausgefahren, die sich an die Höhe der Haltestelle anpassen kann. Sofern der Busfahrer auch beim Aussteigen mitbekommt, dass man den Knopf für die Rampe gedrückt hat, ist Busfahren wirklich problemlos möglich. Und als Rollstuhlfahrer kostenlos (im Gegensatz zur U-Bahn)!

Alles in allem war es trotz kleinerer Schwierigkeiten gut möglich, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abzuklappern (auch wenn wir pro Tag auch etwa 11-15 km zu Fuß unterwegs waren, um von A nach B zu kommen). 

Wir haben uns ganz klassisch die Tower Bridge, die London Bridge, Westminster Abbey, den Hyde Park (+ Green Park, St. James Park, Holland Park - wir haben wohl ein Park-Faible) angesehen; ebenso den Kensington- und den Buckinghampalace. Ein Tagesausflug nach Oxford zu den gefühlt 72626 Colleges und ein Abend im Musical "Wicked" waren auch noch drin. Mit genügend English-Breakfast-Schwarztee war das ganze Programm auch gar nicht mal so anstrengend. Auf jeden Fall hat es sich total gelohnt :)

Donnerstag, 20. Dezember 2018

5 Jähriges

20.12.

5 Jahre sind es jetzt. Das ist mittlerweile ein Drittel der Zeit, die ich als "normal laufender Mensch" verbracht habe. Mit solchen Zahlen kann man nichts anfangen, ich weiß. Ich weiß selbst nicht mal, ob sich das lang anfühlt oder nicht. Manchmal habe ich sogar Schwierigkeiten, mich daran zu erinnern, wie es war, ganz normal zu laufen. Also ist es wohl doch schon eher eine lange Zeit. Gemessen an einem ganzen Leben natürlich nicht; da machen die 5 Jahre das Kraut nicht fett, wie mein Papa sagen würde.

Ich finde ich habe mich ganz gut eingelebt in das Rollstuhlfahrer-Leben. Ist das nun gut oder schlecht? Hätte ich mit mehr Ehrgeiz mehr erreicht, was meine körperlichen Funktionen angeht? Oder hat mir die Akzeptanz überhaupt erst ermöglicht, damit weiterleben zu können? Wer weiß.

In meiner Persönlichkeit geprägt hat mich die Zeit definitiv, aber das Thema habe ich hier auf dem Blog nun schon so oft durchgekaut, dass es an der Zeit ist, mal den Status quo zu erfassen. Wie fühlt man sich denn so als Rollstuhlfahrerin? Nach 5 Jahren kann man sich da schon mal ein kleines Urteil erlauben, meine ich. Natürlich kann ich wie immer nur für mich sprechen und so weiter.

Ich denke ich hab's ganz gut. Ich wohne alleine, kann Auto fahren, kann studieren. Aber traut man mir das zu? Mal ehrlich, nein. Zumindest die Wenigsten. Und das stört mich nach wie vor. Dass ich immer anders als Andere wahrgenommen werde. Dass ich immer das Gefühl habe, andere erstmal von meiner "Normalität" überzeugen zu müssen.

Aber ich will gar nicht weiter jammern, ich möchte nämlich (vielleicht angehaucht von zu viel weihnachtlichen Gefühlen) ein bisschen dankbar sein, dafür dass ich hier so gut leben kann. Klar, vieles läuft schief und gerade die Arbeit der gesetzlichen Krankenkassen ist teilweise ziemlich ausbaufähig, aber allein ohne die medizinische Versorgung, die wir hier haben, wäre ich schon tot. Ich fühle mich nicht diskriminiert, ich fühle mich nicht ausgegrenzt, mir geht es gut.

Ich würde - gerade momentan irgendwie - echt gern wieder laufen können, aber so schlimm ist das alles gar nicht.

Sonntag, 25. November 2018

Lebenszeichen

Da ich schon ewig nicht mehr auf den Blog geguckt habe (viel Unikram zu tun, wenige Ideen für neue Einträge..), habe ich ganz verpasst, dass hier die 10 000 Aufrufe geknackt wurden, jejj! 9950 davon sind bestimmt von Mama, aber über den Rest freue ich mich mindestens genauso <3

Darauf erstmal 'nen Sekt.
(Aber Natalie, du musst doch noch fahrn, haha!)

Montag, 17. September 2018

Natalie will dann mal weg..

Ich weiß noch nicht, ob ich mir wirklich darüber im Klaren bin, was ich mir da zumute, aber ich habe vor, im März mit ein paar Freunden den Jakobsweg zu gehen/fahren/rollen. Nicht aus religiösen Gründen, sondern einfach, um diese Erfahrung mal gemacht zu haben (und wozu hat man schon so lange Semesterferien..).

Sicher kann sich das erstmal niemand so richtig vorstellen; konnte ich mir anfangs (und vielleicht auch immer noch) auch nicht. Eine Kommilitonin hatte mich vor einer Weile angeschrieben und gefragt, ob ich denn nicht Lust hätte, sie zu begleiten. Ich dachte mir erstmal "Haha, cool, aber nee, geht ja nicht." und legte das Handy wieder weg. Irgendwie verließ mich der Gedanke daran aber den gesamten Abend nicht mehr und ich fand doch in den Weiten des Internets einige Rollstuhlfahrer, die das tatsächlich gemacht haben. Die meisten allerdings im Elektrorollstuhl; das ist ja schon nochmal 'ne andere Sache als so ein Aktivrollstuhl.

Nach einiger Recherche hat sich jedoch gezeigt, dass der Camino Portugues wohl als Rollstuhlfahrer machbar sein sollte. Ich habe ja sechs helfende Hände an meiner Seite und denke, dass Hindernisse, die die Wegbeschaffenheit betreffen, somit lösbar sind.

Einige Berichte und Bücher über Rollstuhlfahrer, die den Weg hinter sich haben, habe ich mir schon durchgelesen (und seitdem habe ich richtig Blut geleckt) und nun geht es an die richtige Vorbereitung.

Das erste - und größte - Problem wäre der geeignete Rollstuhl. Mein mühsam 'erbettelter' Kassenrollstuhl ist mir für die Strapazen dann doch etwas zu schade. Ich möchte ihn nicht schon im ersten Jahr schrotten. Der alte Rollstuhl, den mir die Kasse damals bezahlt hatte, hat zwar praktische Schiebegriffe, aber ist wahnsinnig schwer und für längere Strecken zum Selbstfahren überhaupt nicht zu gebrauchen. Bleibt nur noch mein selbst gekaufter gebrauchter Aktivrollstuhl, der quasi das leicht heruntergekommene Vorgängermodell meines jetzigen Rollstuhls darstellt. An sich kann ich mir vorstellen, dass der Stuhl mich auch treu durch derartige Strapazen trägt, aber er hat leider keine Griffe, die bei unwegsamen Böden jedoch nützlich sein könnten. Vielleicht kann mir die nachträglich jemand anschweißen oder so? Ich habe echt keine Ahnung davon und gehe wohl etwas blauäugig an die Sache ran, aber mal sehen ob sich da was machen lässt.
Die nächste Sache sind die Reifen. Die sollten schon gut stabil sein und über einen Pannenschutz verfügen. Die müsste ich dann auch noch organisieren und aufziehen lassen, was sicher nicht ganz billig wird.
Die letzte Alternative, die meiner Mama einfiel: einen Rollstuhl leihen. Aber kann man das überhaupt irgendwo machen? Würde ich einen geeigneten Stuhl finden, der mir dann auch noch passt? Und ist der Leihende bereit, das Risiko einzugehen, dass das Gefährt danach kaputt ist? Ich bin da noch ziemlich skeptisch.

Des Weiteren bin ich krankheitsbedingt auf eine nicht gerade kleine Masse an medizinischem Kram angewiesen. Das Gepäck müssten dann teilweise auch meine Freunde mitschleppen :/

Diese Punkte muss ich in nächster Zeit erstmal klären, bevor ich überhaupt einen Flug buche.

Und gute Handschuhe brauche ich! Die eine oder andere Blase an den Händen werde ich sicher bekommen, aber allzu große Wunden würde ich da schon gern verhindern. Und eveeeentuell sollte ich in den kommenden Monaten mal meine Fitness etwas trainieren. 240 km durch Portugal und Spanien werden sicher kein Spaziergang...

mehr als nur 'ne Gehbehinderung

Heute hatte ich denselben Pullover an, den ich am 20.12.2013 trug, als ich ins Krankenhaus gebracht wurde. Erkältet bin ich auch, genau wie ...