Sonntag, 14. März 2021

Herzblut

Mehr als die Hälfte meiner Famulatur ist geschafft und ich mache mir schon wieder Gedanken darüber, welchen Kuchen ich zum Abschied mitbringen soll. Es wird wohl auf Schoko-Kirsch und Quark-Aprikose hinauslaufen. Diesmal sogar zwei Sorten, das will schon was heißen.

Mir geht seit Beginn des Praktikums kaum etwas anderes als das Studium und meine Zukunft in demselben und vor allem als (hoffentlich irgendwann) Ärztin durch den Kopf. Deshalb schreibe ich hier auch so viel über ein eigentlich recht unspektakuläres Pflichtpraktikum, weil es mir guttut, meine Gedanken dazu schwarz auf weiß sortiert zu sehen.

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich in den letzten Tagen den Satz gehört habe: "Oh, achso, ich dachte Sie sitzen da nur vorübergehend drin!" Wirklich, mindestens zwei mal am Tag werde ich gefragt, wie ich mich denn verletzt habe. Wahlweise wird sonst auch gedacht, ich wäre eine Krankenschwester, die sich aus Jux mit 'nem Rollstuhl über die Station bewegt. Ein Patient dachte, ich bringe ihm auf diese Weise einen Krankenhausrollstuhl ans Bett. Und eine andere Patientin fand es schön, dass man mich trotzdem in der Klinik arbeiten lässt. Joa, find' ich auch. 

Ich gebe mir wirklich Mühe, nicht allzu viel darüber zu grübeln, was Ärzte und Pflegepersonal (und auch Patienten) über mich denken und versuche so wenig wie möglich in Ihre Verhaltensweisen mir gegenüber hinein zu interpretieren. Aber ein bisschen argwöhnisch betrachtet werde ich ab und an von ein paar Leuten schon, finde ich. Aber jetzt nach der dritten Woche trauen sich auch die skeptisch Wirkenden nach und nach zu fragen, weshalb ich im Rollstuhl sitze und so weiter. Zwei Krankenschwestern wollten es wirklich ganz genau wissen und stellten mir alle erdenklichen Fragen, nachdem die erste Unsicherheit abgelegt war. Von "Wie heißt Du eigentlich?" bis "Wie finden Männer Dich seitdem?" und "Wie ging es Deinen Eltern damit?" innerhalb von 5 Minuten. Man merkt richtig, dass der Umgang danach entspannter ist, wenn das Eis einmal gebrochen ist. Ist ja logisch. Das zeigt mir aber wieder einmal die üblichen Berührungsängste, die ich - naiv wie ich mit 18 war - zu umgehen geglaubt habe, als ich mich für das Medizinstudium entschieden habe. 

Aber damit kann ich gut leben, wenn mir trotzdem Etwas zugetraut wird und man mich ernst nimmt. Und das ist größtenteils der Fall. Ein besonderes Positiv-Beispiel habe ich in der letzten Woche erlebt: Ich durfte mir für einige Tage die Arbeit im Vorbereitungsraum für die Operationen anschauen und auch ein wenig "mithelfen". Meine Unterstützung wäre sicher verzichtbar gewesen, aber ich konnte immerhin ein paar Erfolgserlebnisse in Sachen Flexüle-Legen verzeichnen. 

Viel mehr kann man als Student dort allerdings nicht machen, da die Anästhesie selbstverständlich durch die Anästhesisten durchgeführt wird. Es war zwar absolut interessant, dabei zuzuschauen, aber letztendlich beschränkte sich meine Hauptaufgabe mal wieder darauf, die wirklich sehr liebe und geduldige Änasthesieschwester immer wieder zu fragen: "Gibt´s etwas zu tun, kann ich was helfen?" und so wenig wie möglich im Weg zu stehen. Scheinbar haben das auch andere gemerkt und in der letzten Woche sprach mich einer der Chirurgen an, ob ich denn nicht mal mit in den OP kommen möchte, statt mir die ganze Zeit "das Gesteche" anzugucken. Klar wollte ich das, aber ursprünglich war mit dem Chef der Anästhesie besprochen, dass der OP für mich aufgrund hygienischer Aspekte Tabu ist. Der Chirurg meinte, bei Arthroskopien  wäre es hygienisch in Ordnung, wenn ich am Rand des Saals stehe und nahm mich kurzerhand mit hinein. Ungewöhnlicherweise fragte er nicht nach dem Grund für meine Querschnittlähmung, sondern sagte direkt "Was wollen Sie denn mal machen? Chirurgie würde sicherlich auch gehen, aber dann muss man da wahrscheinlich schon mit viel Herzblut rangehen." 

Er sagte wirklich "Chirurgie würde sicherlich auch gehen". Der Erste, der nicht von Vornherein das, das und das ausgeschlossen hat. Das hat mich in unerwartetem Ausmaß gefreut. Mit dem Herzblut hat er recht, da bin ich mir sicher. 

Genauso gefreut hat mich natürlich auch, dass er mir sehr viel zur OP erklärt hat und anbot, die interessanten Arthroskopien in der kommenden Woche herauszusuchen und mich dorthin mitzunehmen. Ich weiß, eine Arthroskopie ist nicht gerade die spektakulärste Operation, so sagte er es auch selbst, aber er hat sich dazu gedacht, dass Eingriffe dieser Art über den dabei verwendeten Bildschirm für mich optimal zu verfolgen sind, wohingegen ich bei  Operationen des Bauchraums beispielsweise vom Rollstuhl aus keine Chance habe, etwas zu sehen. Ganz abgesehen natürlich immer noch von der Hygiene, die bei jedem größeren Eingriff nicht ausreichend gewährleistet wäre. Es hat mich wirklich gefreut, dass er sich darüber Gedanken gemacht hat und von sich aus auf mich zu kam, selbst wenn ich mein Praktikum nicht mal in seinem Fachbereich mache. Nachtrag: Letztendlich wurde mir sogar ermöglicht, bei Hand- und Sprunggelenk-OPs zu assistieren. Dafür schob mich eine Anästhesiepflegerin nach dem chirurgischen Waschen an meinen Platz und der Rollstuhl und ich wurden vollständig vom sterilen Kittel umschlossen; ich sah aus wie Mutter Birnbaum. Der Rest funktionierte dann ganz unkompliziert. Noch ein Erfolgserlebnis. 


Einer meiner Rollstühle blieb aus hygienischen Gründen
für die gesamte Zeit des Praktikums im Krankenhaus.


Nun. Ich habe bisher viel gelernt, viel gesehen und vor allem auch gemerkt, dass ich trotz allem ernst genommen werden kann, sofern es für beide Seiten eine gewisse "Eingewöhnungszeit" gab. Und ich werde bestimmt entspannter und selbstbewusster in die nächste Famulatur starten. Vielleicht. Ein bisschen zumindest.

Samstag, 27. Februar 2021

tapfer weggeblinzelt

Zwischenbericht nach der ersten Praktikumswoche:

Teilweise haben sich meine Befürchtungen bestätigt, teilweise nicht. Ich kann definitiv sagen - Man ist als rollstuhlfahrender Famulant schon ein kleiner Hingucker. Ob nun im positiven oder im negativen Sinne können nur diejenigen sagen, die mich gesehen haben ;)

Nein, Spaß beiseite. Die Aufmerksamkeit, die mir aufgrund des Rollstuhls in den letzten Tagen zuteil wurde, war nicht immer angenehm. Ein paar mal wurde bei meinem Anblick laut gelacht, weil Einige dachten, ich hätte mich "einfach so" in einen Rollstuhl gesetzt (wer macht das denn bitte??), wodurch mir einmal tatsächlich ein kleines Tränchen im Augenwinkel saß; das habe ich aber ganz schnell tapfer weggeblinzelt und freundlich mitgelacht. Einmal wurde laut in die Runde gefragt: "Was ist denn mit ihr? Ist sie verletzt?" Anscheinend sehe ich noch so blutjung aus, dass ich nicht für mich selbst sprechen kann. Bei der allseits beliebten Diskussion über die zukünftige Facharztwahl wurde sofort die Chirurgie ausgeschlossen, bevor ich überhaupt einen Mucks sagen konnte, weil "das geht ja eh nicht." Geht wohl! Aber darüber wollte ich schüchtern wie ich manchmal bin niemanden aufklären und habe nur zustimmend genickt.

Aber: Beschweren kann ich mich nicht. Mir wird viel erklärt und gezeigt, selbst wenn es gerade stressig ist. Ich werde von allen wahrgenommen (das Gefühl hat man als Praktikant ja nicht immer..) und mir werden zum Glück keine schwierigen Fragen gestellt. Und wenn ich Irgendetwas nicht weiß, wird es mir beigebracht. 
Ein bisschen mehr Eigeninitiative muss ich dennoch an den Tag legen; vor allem, wenn ich praktische Fertigkeiten dazulernen möchte. Ich habe schon das Gefühl, ein bisschen unterschätzt zu werden. Mir wird jede Tür geöffnet, jeder Stuhl wird sofort zur Seite geräumt und wenn bei irgendwelchen ärztlichen Tätigkeiten gerade keine Schwester zum Anreichen anwesend ist und ich nichts tuend daneben sitze wird lieber nach der Schwester gerufen, statt zu sagen "Natalie, kannst du mal xy aus dem Schrank geben?". 

Aber nun hatte ich ja ein paar Tage "Eingewöhnungszeit" um aufzutauen und mich zu trauen, meine Hilfe öfter anzubieten und um hoffentlich einschätzen zu können, wann Zeit zum Fragen stellen ist und wann ich stören könnte. Momentan besteht meine Aufgabe nämlich noch hauptsächlich daraus, möglichst wenig im Weg zu stehen. Allerdings muss man in der Hinsicht auch ehrlich sagen, dass ich gerade auf einer Intensivstation wirklich nicht allzu viel machen kann. Da bin ich tatsächlich etwas zu eingeschränkt was Flexibilität, Mobilität und Schnelligkeit angeht. Schnell ins Zimmer rennen zum Reanimieren funktioniert nicht (nicht, dass man das als Student machen müsste, aber mal so perspektivisch). 

Dennoch ist es eine sehr interessante Erfahrung in die Arbeit dort hineinzuschnuppern und so viele verschiedene Krankheitsbilder, Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten live zu sehen, statt immer nur im Lehrbuch darüber zu lesen. Auf jeden Fall waren die ersten Tage sehr spannend - als ich das erste Mal eine Reanimation in der Realität gesehen habe, hat meine Nebenniere so viel Adrenalin ausgeschüttet, dass es wahrscheinlich für den Patienten gleich mit gereicht hätte. Und das nur in der Ecke stehend beim Zusehen..
Dass den Pflegern, Schwestern und Ärzten dort kein zweiter Kopf gewachsen ist bei dem Ausmaß an Wissen, das sie scheinbar stets und ständig mit sich rumtragen, wundert mich.

Jedenfalls haben mir die ersten paar Tage schon gezeigt, dass es für die Meisten einfach ungewohnt ist, im Krankenhaus Mitarbeiter mit einer offensichtlichen Behinderung um sich zu haben. Der Arzt ist der, der Andere (im besten Fall) gesund macht und nicht der, der selbst krank ist. Aber das Beste, was ich dagegen machen kann, ist weiterhin ganz normal mit größter Selbstverständlichkeit meinen Weg zu gehen (zu fahren!) und zu hoffen, dass mich irgendwann die meisten im Haus kennen und es akzeptiert wird und man merkt, dass ich nicht besser und nicht schlechter als alle Anderen auch bin. Und wenn ich schlechter sein sollte, dann liegt das sicher nicht am Rollstuhl. 
Ich weiß schon, mimimi. Es ist ja irgendwo klar, dass bisher noch niemand daran gewöhnt ist und es auch in Zukunft nicht großartig anders werden wird, einfach weil Rollstuhlfahrer den Fußgängern nunmal zahlenmäßig zum Glück unterlegen sind und auch nicht jeder Rollstuhlfahrer auf die Schnapsidee kommt, Arzt werden zu wollen. Aber mich beschäftigt die Sache doch mehr als gedacht, weil mein normales Umfeld und ich schon sehr gut an meine Behinderung gewöhnt sind und es für mich wieder ein kleiner Rückschritt oder zumindest eine Umstellung ist, wenn ich plötzlich wieder auf so viele neue Leute treffe, die mich eben nicht kennen.
Das Positive: In dieser Famulatur lerne ich also nicht nur fachlich dazu, sondern wachse hoffentlich auch persönlich ein bisschen.

Sonntag, 14. Februar 2021

Grübelei

Übernächste Woche beginnt endlich mein Praktikum auf der Intensivstation, wovon ich hier in früheren Beiträgen schon lang und breit erzählt habe. 

Endlich? Eigentlich möchte ich es am liebsten weiter vor mir herschieben. Ich bin auch sonst immer vor Praktika schon ordentlich aufgeregt, aber diesmal sogar schon Wochen vorher, obwohl ich momentan eigentlich noch durch die in diesem Semester recht zahlreichen Prüfungen abgelenkt sein sollte. 

Schon jetzt - 8 Tage vorher - rechtfertige ich mich in meinem Kopf, sobald der Gedanke an die Famulatur aufkeimt, ständig dafür, dass ich dieses Praktikum machen will. Was will ich denn da? Als Rollstuhlfahrer? Als ob ich eines Tages mal Intensivmediziner werden wollen würde oder es überhaupt könnte. Ich habe Angst, die ganze Sache deutlich unterschätzt zu haben. Zum Zeitpunkt meiner Bewerbung habe ich nur daran gedacht, dort viel über komplexe Erkrankungen lernen zu können, die nicht nur einem Fachbereich zugeordnet werden können und es somit erlauben, etwas breiter gefächerte Inhalte kennenzulernen. Jetzt frage ich mich, warum mir nicht 'ne internistische Normalstation gereicht hat? 

Naja, nun ist die Sache fest und ich werde so kurzfristig keinen Rückzieher machen. Es gibt ja auch eigentlich keinen Grund sich dafür zu rechtfertigen, dass man während seines Studiums trotzdem auch Fachbereiche kennenlernen will, die man schon für die zukünftige Zeit im Arbeitsleben ziemlich klar ausschließen kann. 

An diesem Punkt stelle ich mir die Frage, ob ich mich als Nicht-Rollstuhlfahrer auch schon im Vorhinein so fehl am Platz auf so einer Station fühlen würde. Ähnlich geht´s mir nämlich in Bezug auf die Chirurgie. Klar, es gibt genügend Beispiele für rollstuhlfahrende Chirurgen, die Ihren Beruf problemlos durchführen können, aber allein bei einer Anfrage für ein Praktikum auf einer chirurgischen Station (einfach nur, um's mal kennenzulernen - ich glaube, ich möchte kein Chirurg werden) komme ich mir total realitätsfern vor und kann förmlich hören, wie der Verantwortliche sich denkt "Wie soll das denn bitte gehen, was will die denn hier?". 

Und da hab ich's wieder, das altbekannte Problem mit dem sich-immer-wieder-beweisen-müssen und das ewige Suchen nach Alternativen und Kompensationsmöglichkeiten. Manchmal bin ich's echt leid. Aber letztendlich läuft diese Grübelei bisher mal wieder nur in meinem Kopf ab und 'nen handfesten Grund zum Sorgen machen gibt's ja gar nicht. Also - ich sollte mich wieder in mehr Gelassenheit üben.

Sonntag, 27. Dezember 2020

Es bleibt spannend

Mein kurzer Jahresrückblick oder auch "Ich meld mich mal wieder." Das habe ich im letzten Jahr sowohl auf diesem Blog als auch bei meinen Freunden zu wenig gemacht, aber die Situation war und ist ja auch irgendwie schwierig. Das soll keine Ausrede sein, aber je länger dieses gedämpfte gesellschaftliche Leben anhält und je mehr Zeit ich hauptsächlich zu Hause verbringe, desto träger werde ich. Ich habe momentan so viel Zeit wie noch nie und habe trotzdem das Gefühl zu wenig Zeit zu haben. Wahrscheinlich fehlt mir einfach Struktur, um wenigstens halbwegs produktiv zu arbeiten, aber das geht zur Zeit ja sicher vielen so. Darunter mischt sich dann noch schlechtes Gewissen, weil ich wenig bis gar nichts für die Uni mache und auch nicht im Krankenhaus arbeite, obwohl dort Hilfe wohl bitter nötig wäre. Aber die letzten Wochen waren in meinem Umfeld auch abseits von Corona leider turbulent und auch ziemlich traurig, da hatte ich das Gefühl über die Weihnachtsfeiertage 'erstmal klarkommen zu müssen'. 

Aber das Jahr fängt nach dem julianischen Kalender nunmal nicht im Dezember an, deshalb jetzt einmal von vorn - Verrückt, wenn ich daran zurück denke, dass ich zu Beginn des Jahres noch normal im Hörsaal saß, in der Bibliothek lernte, auf Faschingspartys zu viel trank und vor allem ständig, wahrscheinlich täglich, von anderen Freunden und Familienmitgliedern umgeben war. Jetzt gerade kann ich nicht mal sagen, wann genau ich das letzte Mal einen meiner Freunde gesehen habe. 

Im Februar war ich noch mit einer Freundin im schönen-kalten Breslau und als ich danach Praktikantin in einer Hausarztpraxis war gab es allmählich die ersten Meldungen über Erkrankungsfälle in der Nähe meiner Heimatstadt. Wie sich die Situation im März zuspitzte, muss ich wohl kaum erklären. Abgesehen davon, dass es kein schönes Gefühl war, meine Oma über Wochen nicht sehen zu können, hat mich persönlich (!) die Situation des Lockdowns nicht besonders schwer betroffen. Ich war fast die gesamte erste Hälfte des Jahres nur bei meinen Eltern und war von der freien und flexiblen Zeiteinteilung im Rahmen der Online-Vorlesungen begeistert. Bestimmt bilde ich es mir ein, aber ich habe immer das Gefühl, im Sommersemester viel motivierter in Bezug auf die Uni zu sein. 

Wir hatten nur wenige Präsenzveranstaltungen, was ich allerdings überraschend schade fand. Nur im Juli gab es eine stressigere Phase, was das Studium anging, weil ich mir trotz Prüfungen zwischendurch unbedingt noch drei Nächte an der Ostsee gönnen wollte. Ostsee lohnt sich immer. Die Prüfungen - zu meiner Überraschung auch die im Fach 'Medizinische Informatik' - habe ich bestanden und der August stand vor der Tür. 

Zunächst löste ich eins meiner Geburtstagsgeschenke ein und verbrachte 2 Nächte im schönen-warmen Riesengebirge in Tschechien zusammen mit zwei Freundinnen. Dann startete ich meine Famulatur in der Rehaklinik, wodurch der Facharzt für Rehabilitationsmedizin auf meiner imaginären Facharztausbildungsliste weit nach oben stieg. Er liefert sich derzeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Allgemeinmedizin, aber noch habe ich zu wenige Fachrichtungen kennengelernt, um mich festlegen zu können. 

Nachdem ich den restlichen August - wer hätte es gedacht - größtenteils in der Heimat verbracht habe, ging es Anfang September für meine Mama und mich zu meinem Onkel und meiner Tante nach Norwegen. Darauf haben wir so lange hingefiebert und kurz vorher wäre es aufgrund einiger Ausreisebestimmungen (bzw. eher aufgrund norwegischer Einreisebestimmungen) beinahe ins Wasser gefallen. Hat letztendlich aber doch geklappt und wir hatten trotz massig viel Regen einige wunderbare Tage dort, an die ich oft denke und die sicher ein absoluter Höhepunkt für mich in diesem doch so seltsamen Jahr waren. 
Kurz danach stand ein Geburtstag an, der nochmal ein schöner Anlass war, die Familie zu einem größeren Teil zu versammeln, bevor im Herbst die Inzidenzzahlen stiegen und damit einhergehend auch die Beschränkungen wieder strenger wurden. 

Ich war für zwei Wochen Famulantin in einer allgemeinmedizinischen Praxis, was mir die Allgemeinmedizin schmackhaft machte. Vielleicht finde ich auch einfach jede Fachrichtung toll, in der ich ein Praktikum mache, wer weiß...als nächstes steht Intensivmedizin auf dem Plan, es bleibt spannend.. 

Im Oktober begann das neue Semester tatsächlich noch mit Unterricht am Krankenbett, was ich als recht lehrreich und spannend empfunden habe, ebenso wie die Fächer, die wir in diesem Semester haben. 
Im November wurde die Situation strenger und strenger, die Präsenzlehre wurde auf ein Minimum reduziert und bald darauf ganz eingestellt und ein zutiefst trauriges Ereignis stellte die Welt meiner Familie auf den Kopf. Seitdem ist total viel passiert und irgendwie auch wieder gar nichts. Trotz allem (oder gerade wegen?) hatten wir sehr ruhige und entspannte Weihnachtstage und nun hoffe ich sehr, dass das neue Jahr Positiveres mit sich bringt. Warum auch immer das ausgerechnet mit dem Jahresanfang passieren sollte, aber es ist eben gedanklich ein guter Beginn für 'etwas Neues'. 

In den nächsten Tagen werde ich versuchen, mir wieder einen strukturierteren und gesünderen Tagesablauf anzueignen und noch ein bisschen was auf die Reihe zu bekommen, bevor im Januar schon wieder die nächsten Prüfungen anstehen.

Silvester wird in diesem Jahr sicherlich anders ablaufen, als in den letzten Jahren, aber Familie, Feuer, Soljanka und Glühwein klingen doch eigentlich nach einer sehr guten Alternative. Und wenn ich so überlege - vor 7 Jahren verbrachten meine Familie und ich den Jahreswechsel am Krankenhausfenster. Das ist doch allemal blöder.. Also - ich erinnere mich jetzt noch ein wenig an die doch gar nicht so wenigen schönen Momente im letzten Jahr und drücke die Daumen für ein gutes nächstes. 

Ehj: Ich hab nur ein einziges Mal das C-Wort benutzt!

Donnerstag, 13. August 2020

Geduld, Zeit, Glaube, Hoffnung

Meine im vorherigen Post geäußerten Bedenken hinsichtlich eines Praktikums auf der ITS waren zwar nicht unbedingt 'Wind um Nichts', aber dennoch stellte sich die ganze Problematik viel unkomplizierter dar, als ich es erwartet hatte. Der Chefarzt machte kurzen Prozess, nahm mich mit in ein Patientenzimmer, drückte mir ein Stethoskop in die Hand: "So, untersuchen Sie mal!" Ich sag mal so - der Rollstuhl war dabei nicht das entscheidende Hindernis, eher meine mickrige Fachkompetenz, was die Untersuchung eines Intensivpatienten angeht. Aber der Arzt fand meine halbherzige Auskultation in Ordnung und war nun der Meinung, dass eine Famulatur als Rollstuhlfahrer auf seiner Station doch machbar wäre. Allerdings haben sich meine Pläne jetzt nochmal ein bisschen verändert, sodass ich dieses Praktikum auf die Winterferien verschoben habe. 

In diesen Ferien bin ich daher auf einer anderen Station gelandet. Vielleicht leide ich an einer seltenen, bisher unentdeckten Variante des Stockholm-Syndroms, denn seit meinem eigenen ersten Aufenthalt in einer Reha-Klinik ziehen insbesondere die Stationen für Querschnittgelähmte mein Interesse in besonderem Maße an. Momentan absolviere ich eine Famulatur in so einer Klinik. Und ich finde es jetzt schon schade, dass ich in wenigen Tagen den obligatorischen Abschieds-Kuchen backen werde. Sonst habe ich mich meistens eher gefreut, wenn Praktika vorbei waren, aber hier würden mich zwei weitere Wochen definitiv nicht stören, ganz zu schweigen davon, dass genau diese Arbeit nun eine ernste Option für meine Zukunftsplanung darstellt. Aber Schritt für Schritt.

Besonders gefällt mir, dass in so einer Reha-Einrichtung die interdisziplinäre Zusammenarbeit - Ärzte, Pflegepersonal, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Psychologen, Logopäden, Sozialarbeiter und und und - so sehr im Vordergrund steht. Der Patient wird praktisch aus verschiedensten Blickwinkeln betreut und versorgt, um letztendlich eine größtmögliche Selbstständigkeit wieder zu erlangen. Man betreut seine Patienten in der Regel über einen recht langen Zeitraum und begleitet deren Fortschritte, welche hoffentlich zum Erreichen der für den jeweiligen Patienten möglichen Ziele führen.

In vielen Momenten fühle ich mich in meine eigene Zeit als 'frischer Querschnitt' zurückversetzt, logisch. Traurig macht mich das nicht, aber ich habe tatsächlich oft Mitleid mit den Patienten (darf man das überhaupt?), wenn ich sehe, wie schwer diese Umstellung und die neue Situation für sie ist. Und in diesen Momenten wird mir dann bewusst, wie viel man da eigentlich durchmachen muss. Für das Personal auf der Station ist der Umgang mit Querschnittlähmung und ihren Folgen alltäglich, aber neue Patienten müssen oft erstmal diese Hemmschwelle überwinden und das Schamgefühl ablegen, wenn sie mehrmals täglich von den verschiedensten Personen zu ihren Ausscheidungen befragt werden; wenn sie ständig nackt von fast jedem gesehen werden, der mal kurz ins Zimmer kommt und wenn sie generell in den aller intimsten Situationen Hilfe von Anderen benötigen. Natürlich versuchen die Mitarbeiter der Station möglichst die Privat- und Intimsphäre des Patienten zu wahren, aber letztendlich ist das nur eingeschränkt möglich. Und nicht nur physisch muss man sich in dieser schwierigen Zeit ständig nackig machen, auch im übertragenen Sinn hinsichtlich psychischer Belange wird einem oft ein kompletter "Seelenstriptease" abverlangt. 

Ich selbst habe dieses Schamgefühl, vor Ärzten/Pflegepersonal über irgendwelche intimen Körpervorgänge zu sprechen, recht weitgehend abgelegt, weshalb ich mir keine Gedanken mehr  großartig darüber gemacht habe, dass es den Patienten vielleicht schon Überwindung kostet. Ins Gedächtnis gerufen wurde mir dies nachdem ich einen Arzt zu einer Aufnahmeuntersuchung begleiten durfte und dieser mir im Anschluss sagte, dass er den Patienten (etwa in meinem Alter) in meiner Anwesenheit absichtlich noch nicht dazu befragt habe, ob seine Erektionsfähigkeit durch die Lähmung eingeschränkt ist, da der Arzt schon während des Gesprächs gemerkt habe, wie sehr sich der Patient vor mir schämte, über die Probleme zu sprechen, die ihm Blase und Darm bereiteten. Absolut verständlich. Man kommt selbst noch nicht mit seinem Körper und dessen verminderten Funktionen klar, hat nur im Kopf möglichst schnell wieder laufend die Klinik zu verlassen und soll sich dann vor jedermann (und vor allem auch vor jederfrau) vollständig entblößen, wenn man sich zumindest subjektiv wahrscheinlich am Tiefpunkt seiner Attraktivität befindet. 
Umso dankbarer bin ich im Nachhinein dafür, dass fast alle meine Ärzte in der Akutphase meiner Erkrankung Frauen waren und mich vor allem nie männliche Pflegekräfte versorgt haben; das wurde auf der Station damals direkt so geregelt. Das nimmt einem zumindest ein wenig das Schamgefühl.

Und jetzt, wo ich die ganze Sache mal aus der anderen Perspektive betrachten kann, wird mir erstmal klar, wie unangenehm es sein kann, einen Patienten zu erleben, bei dem medizinisch schon recht eindeutig ist, dass er nicht mehr normal laufen können wird, und der sich aber immer noch felsenfest an die Vorstellung klammert, es nach ein paar Wochen bis Monaten in der Klinik doch wieder laufend hinaus zu schaffen. Darunter zähle ich mein Vergangenheits-Ich auf jeden Fall auch. Es ist wirklich schwierig, in solchen Momenten die richtigen Worte zu finden, weil dem Patienten jede noch so vage Aussage bezüglich einer Prognose im Gedächtnis verankert bleibt. Ich kann mich auch nach fast 7 Jahren noch sehr genau an verschiedenste Aussagen erinnern, die Ärzte/Pfleger teilweise beiläufig von sich gegeben haben, ohne sich auch nur im Ansatz vorstellen zu können, wie sehr man einem Patienten damit Hoffnung gibt oder nimmt. 

Umso beeindruckter war ich heute von einem Patienten, der erst seit wenigen Wochen eine Querschnittlähmung hat und heute in der Visite sagte: "Ich weiß schon, am wichtigsten sind jetzt Geduld, Zeit, Glaube, Hoffnung." und damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen. Auch viele andere Patienten scheinen ihre Problematik überraschend rational und realistisch zu betrachten. Anders, als ich das von mir in den ersten Monaten in Erinnerung habe. 
Ich denke also, dass es am wichtigsten ist, den Betroffenen von Anfang an behutsam, aber verständlich und auch deutlich beizubringen, welche Ziele realistisch sind und welche nicht. Und dass man ganz genau aufpasst, was man sagt. Ein einfaches "Das wird schon alles wieder." beruhigt den Patienten für den Moment, aber lässt ihn eventuell im Nachhinein noch tiefer fallen, wenn er für sich selbst realisiert, wie seine "Chancen" stehen.

Vielleicht ist genau das die Fachrichtung, die nach dem Studium am ehesten zu mir passen würde. Ich weiß zwar nicht, ob es Patienten Hoffnung gibt, von einem Arzt im Rollstuhl behandelt zu werden - ich glaube, ich hätte das nicht so gut gefunden, weil ich generell nicht viel mit dem ganzen Rollstuhl-Kram am Hut haben wollte, aber vielleicht hätte es mir doch einen positiveren Ausblick in die Zukunft gegeben. Und abgesehen davon denke ich, dass ich doch einen kleinen Vorteil habe, wenn es darum geht, sich in die Betroffenen hineinzuversetzen und sich ihrer Probleme anzunehmen. Zum Glück habe ich noch ein paar Jahre Zeit, bis ich entscheiden muss, wo meine Reise hingehen soll.

Trotz all der positiven Aspekten hat so ein Praktikum als Rollstuhlfahrer unter Rollstuhlfahrern übrigens eine kleine Tücke: In der ersten Woche dachte gefühlt jeder Zweite, dass ich probehalber im Rollstuhl sitzen würde "nur um mal zu gucken, wie's so ist". Nee, nicht ganz.. 

Montag, 22. Juni 2020

Wind um Nichts?

Momentan plagt mich Unsicherheit bezüglich meines Studiums. Nicht, was das Fach selbst angeht - damit bin ich nach wie vor absolut glücklich und würde nicht mehr tauschen wollen. Allerdings rückt mit dem im letzten Jahr begonnenen klinischen Abschnitt des Studiums auch die Praxis immer näher und im selben Takt wächst meine Angst vor ... ja, wovor eigentlich? 

Am besten beschreiben kann man es wohl als diffuses Bedenken vor Komplikationen, die der Rollstuhl bzw. meine Behinderung im Hinblick auf meinen Werdegang als Medizinstudentin haben könnte. Es gibt sie zwar, die Ärzte im Rollstuhl, aber noch hat das nicht jeder auf dem Schirm und ich habe das Gefühl, mir eine dickere Haut zulegen zu müssen, falls ich im Klinikalltag vermehrt auf Skepsis bezüglich meiner Fähigkeiten treffen sollte. 
Erst kürzlich habe ich mich für eine Famulatur (= Praktikum im Medizinstudium) in der Klinik für Anästhesie & Intensivmedizin eines mittelgroßen Krankenhauses beworben und mit einem recht ratlosen Chefarzt telefoniert, der sich nicht wirklich vorstellen konnte, wie ich auf Station tätig werden könnte. Mein Problem: Ich kann es ihm ja auch nicht erklären, weil ich bisher noch nicht dazu gekommen bin, das alles entsprechend auszuprobieren. Und ein allgemeingültiges Rezept a la "so geht Arzt/Medizinstudent sein im Rollstuhl" gibt es ja leider auch nicht. Ehrlich gesagt habe ich mir vor der Bewerbung in diesem konkreten Fall noch gar keine Gedanken darüber gemacht. Ich habe einen Kommilitonen, der selbst vor kurzem Praktikum auf der ITS gemacht hat gefragt, ob er mir die Fachrichtung für eine Famulatur empfehlen kann und hatte dabei eigentlich nur mein noch sehr begrenztes fachliches Wissen im Hinterkopf bis er von sich aus sagte, dass er nicht wisse inwiefern der Rollstuhl ein Problem darstellen könnte. 
Der Chefarzt hat dann netterweise vorgeschlagen, mir vorab einmal die Gegebenheiten vor Ort zu zeigen und ein persönliches Gespräch zu führen um herausfinden zu können, ob ein Praktikum auf der ITS für jemanden wie mich überhaupt einen Lerneffekt haben kann. Ich bin ziemlich aufgeregt davor, einerseits weil ich mich ohnehin ständig zu dumm für dieses Studium fühle (ich glaube das Gefühl geht nie weg) und andererseits weil ich Angst habe, eine Absage zu erhalten. Das würde ganzschön an meinem sorgsam aufgebauten Selbstbewusstsein nagen. Eigentlich sollte ich mir darüber jetzt noch gar keine Gedanken machen, vielleicht wird's ja alles ganz nett und unkompliziert. Aber ich möchte eben nicht schon im ersten Gespräch absolut inkompetent und naiv herüberkommen, wenn sich zeigt, dass ich selbst nicht mal 'ne Ahnung habe, wie das Ganze klappen soll. Aus dem OP hat er mich schon am Telefon mit den Worten "OP geht ja selbstverständlich nicht, das ist ja klar" ausgeschlossen und ich war zu verdutzt und aufgeregt um zu erzählen, dass ich in einer anderen Klinik bereits in den OP-Saal durfte. Zum Zuschauen bei einer OP, die ein Oberarzt mit Querschnittlähmung durchführte. Ok, da könnten auch hygienische Aspekte eine Rolle spielen. In dem anderen Krankenhaus hatten der Oberarzt und ich Rollstühle, die im OP-Bereich blieben und auch entsprechend gereinigt wurden; so etwas geht bei einer zweiwöchigen Famulatur natürlich nicht. 

Letztendlich habe ich auch die Befürchtung, weniger zu lernen als "gesunde Kommilitonen", weil mir weniger zugetraut wird und ich eher diejenige bin, die einfach nur zuschauen soll. Ich denke nur vom Zuschauen wird aber niemand Arzt und deshalb ist da wohl meine eigene Initiative gefragt, was wiederum Mut erfordert, den ich mir noch ein bisschen zureden muss. 
Trotz allem gibt's natürlich auch Positiv-Beispiele in Form von Ärzten, die es für ganz selbstverständlich ansehen, dass auch ich dasselbe Fach wie sie studieren kann und mir auch nach dem Studium viele Möglichkeiten offen stehen (So weit muss ich erstmal kommen..). 
Naja, abwarten, ich hoffe, dass ich einfach nur ein bisschen zu viel Wind um Nichts mache und sich doch alles etwas einfacher bewerkstelligen lässt, als ich es mir vorstelle. Immerhin sind Krankenhäuser barrierefrei, yeah.

Samstag, 21. Dezember 2019

mehr als nur 'ne Gehbehinderung

Heute hatte ich denselben Pullover an, den ich am 20.12.2013 trug, als ich ins Krankenhaus gebracht wurde. Erkältet bin ich auch, genau wie damals. Nur bleibt diesmal (bitte hoffentlich) die Autoimmunerkrankung aus. 6 Jahre ist es nun schon her, seitdem verging die Zeit wie im Fluge, obwohl so viel Wichtiges in meinem Leben passiert ist - die Zeit in der Reha, der 'Neuanfang' in der Schule, das Abi, der Führerschein, Bochum, das FSJ, mein Studium. Und nebenher habe ich gelernt, mein Leben als Rollstuhlfahrerin zu führen.
Seit meinem Post zum "Fünfjährigen" kamen kaum neue Blogeinträge dazu. Es gibt nicht mehr viel Neues zu erzählen; viel ändert sich nicht. Ich mache körperlich keine nennenswerten Fortschritte, aber habe glücklicherweise auch keine Verschlechterungen zu verzeichnen. Wäre mein Umfeld barrierefreier, würde mir die Gehbehinderung an sich noch weniger ausmachen, als ohnehin schon. Eher stört mich immer noch, dass andere mich anders wahrnehmen als früher. Erst kürzlich hat eine mich unterrichtende Ärztin partout nicht in Erwägung gezogen, dass ich als Medizinstudentin dauerhaft Rollstuhlfahrerin sein kann. Sie dachte, ich würde nur temporär im Rollstuhl sitzen und hat erst spät verstanden, dass ich tatsächlich immer darauf angewiesen bin. Dass sie (als Neurologin) von Vornherein erstmal davon ausging, dass das nichts chronisches sein kann, hat mich irgendwie negativ überrascht. 
Obwohl die veränderte Wahrnehmung eigentlich nicht unbedingt schlecht sein muss; teilweise hat sowas für mich ja auch Vorteile. Und beeinflussen kann ich nicht, was andere von mir denken, deshalb ist es sowieso ratsam und gesünder, sich darum keine Gedanken mehr zu machen. Aber das habe ich immerhin schon mal erkannt und kann daran arbeiten. 

Und am meisten stört mich sowieso ein Thema, auf das ich hier noch nie näher eingegangen bin, was aber bei vielen Querschnittgelähmten und so auch bei mir große Präsenz einnimmt: Auch die Blasenfunktion wird mithilfe verschiedener Muskeln reguliert und auch diese Muskulatur kann von einer Lähmung betroffen sein. Dann muss man sich mehrmals am Tag katheterisieren und sein Trinkverhalten daran anpassen. Klingt viel simpler als es ist; in der Realität ist es (aus meiner Erfahrung) komplizierter und oft frustrierend. Allein die dadurch viel häufiger auftretenden Harnwegsinfekte und die damit verbundenen Antibiotika-Einnahmen. Oder das Problem, nicht spontan bei jemandem übernachten oder länger unterwegs sein zu können, weil man nicht genügend Material mitgenommen hat (dieses Material ist zum Glück übrigens recht klein und unauffällig). Ich bin zwar froh, dass es die Möglichkeit gibt; früher sind Gelähmte sehr zeitig an Nierenversagen verstorben, aber trotzdem ist die ganze Sache oft belastend. Vor allem, wenn man dadurch rund um die Uhr immer und überall auf von der Krankenkasse bezahltes Material angewiesen ist. Demzufolge kam es schon öfter vor, dass die (nicht vorhandene) Großzügigkeit meiner Krankenkasse letztendlich bestimmt hat, wie oft ich am Tag zur Toilette gehen konnte/durfte. Ich will wahrscheinlich auch weiterhin nicht viel detaillierter darauf eingehen (früher wussten davon nur meine Eltern und meine allerengsten Freundinnen), aber dies nur mal als kleiner Ausblick dahingehend, dass so ein Querschnitt leider mehr mit sich bringt, als nur eine Gehbehinderung. 

Und trotzdem - es geht mir gut, ich komme klar und denke, dass alles richtig so ist, wie es ist.